Wein: Je höher der Alkoholgehalt, desto besser der Geschmack?

Wein Alkohol GeschmackDiese blöde Wissenschaft aber auch – ständig macht sie die geliebten Wahrheiten und Glaubenssätze kaputt. Neuestes Opfer: der Alkohol als vermeintlicher Geschmacksträger.

Aktuell liegen ja schwere Weine besonders im Trend – je alkoholreicher, desto kräftiger und geschmacksintensiver der Wein, so die verbreitete Meinung. Nicht nur die Weintrinker*innen greifen zu schweren Weinen, auch die Winzer*innen bringen verstärkt ebensolche auf den Markt. Das wird zum einen auf den Klimawandel zurückgeführt, zum anderen aber eben auch auf die bewusste Herbeiführung eines höheren Zuckergehalts der Trauben durch verstärkte Selektion im Weinberg und eine spätere Lese.

Zuckergehalt der Trauben soll seit 1990 jährlich um 0,2 Prozent gestiegen sein

Während vor 30 Jahren (Rot)Weine mit einem Alkoholgehalt von 12 bis 12,5 Volumenprozent noch üblich und verbreitet waren, gibt es heute, zumindest international, immer mehr Weine mit 14, 14,5 oder gar 15 Prozent. Mittlerweile muss man auch gar nicht mehr zu kalifornischen, australischen oder spanischen Weinen greifen, wenn es den Gaumen nach einem kräftigen Tropfen dürstet: es ist nicht mehr schwer, einen besonders alkoholreichen Riesling, Grauburgunder oder auch Rotwein aus einem deutschen Weinbaugebiet zu ergattern. Aber, auch das sei erwähnt: Es gibt auch schon länger Kritiker*innen dieser Entwicklung, die argumentieren, dass mit den steigenden Prozenten auch die Eleganz und Feinheit der Weine verloren gehe – und diese einsamen Mahner*innen scheinen jetzt Recht bekommen zu haben.

Also zurück zur Wissenschaft. Die behauptet nun – bzw. konkret tut das in ihrem Namen eine internationale Forschungsgruppe aus dem baskischen San Sebastian, der Uni Yale sowie der Hebräischen Universität Jerusalem, dass die Sache mit dem Alkohol als Geschmacksträger nur Einbildung ist. Gut, genau so haben es die Psycholog*innen und anderen Forscher*innen nicht formuliert, aber sie wollen herausgefunden haben, dass es sich eigentlich genau umgekehrt verhält: Die Ergebnisse einer durchgeführten Weinverkostungsstudie legen nahe, dass gerade alkoholärmere Weine die im Gehirn zuständigen Areale für die Aromen- und Geschmackswahrnehmung stimulieren.

Die Wissenschaftler*innen hatten auch mit einem anderen Ergebnis gerechnet

Um den Zusammenahng zwischen Alkohol und Geschmack zu untersuchen, hat das Forschungsteam 26 Personen spanische Rotweine verkosten lassen – in mehrerern Verkostungsblocks hatten die Teilnehmer*innen eher alkohlarme sowie alkoholreiche Weine im Glas. Mit modernsten bildgebenden Verfahren wurde dann quasi in die Köpfe geschaut und beobachtet, ob sich in den Arealen, die für die Aromen- und Geschmackswahrnehmung zuständig sind, etwas regt. Um möglichst vergleichbare Ergebnisse zu erreichen, handelte es sich um “qualitativ gleichwertige” Weine aus den gleichen spanischen Weinbaugebieten sowie gleichen Rebsorten mit nahezu gleichem Säure-, Süße- und Gerbstoffgehalt, die Testpersonen hatten keinerlei Informationen über die gereichten Weine.

Tatsächlich führten nun die Weine mit dem niedrigeren Alkoholgehalt zu größeren Aktivitäten in den relevanten Hirnarealen – was das Forschungsteam selbst überraschte. Aufgrund der ansonsten weitgehend gleichen Zusammensetzung und Herkunft der Weine sehen die Forscher*innen die verstärkten Hirnaktivitäten im Zusammenhang mit dem – niedrigeren – Alkoholgehalt. Im Klartext heißt das: Geringerer Alkoholgehalt des Weines führt zu mehr wahrnehmbaren Aromen und einem ausgeprägterem Geschmackserlebnis.

Und was sagt uns das jetzt? Während die Reporterin von Yale Daily News meint, dass die Ergebnisse der Studie die Weinherstellung verändern könnten, behauptet …tastes like Wine: Ebenso hartnäckig wie die Wissenschaft ist der Wille, am Erlernten und Geliebten festzuhalten – sofern die Studie überhaupt größere Kreise zieht.

Die komplette Studie mit zahlreichen weiteren Informationen könnt Ihr hier nachlesen.

 

Quelle: ksta.de, yaledailynews.com, ncbi.nlm.nih.gov

Bild: …tastes like Wine!