Warum früher im Bocksbeutel nur Rotwein war und der Mönch der Ziege ein Schnippchen schlug

– Gespräch mit Johannes Deppisch über die Weinregion Franken –

Wein Franken Bocksbeutel

Johannes Deppisch in seinem Weinkeller

Falls Ihr euch schon mal gewundert habt, was es mit den lustigen, bauchigen Weinflaschen im Supermarkt oder im Weinhandel auf sich hat: das sind sog. Bocksbeutel, eine allein dem fränkischen Wein vorbehaltene Flaschenform. Klar, wisst Ihr wahrscheinlich schon. Dennoch haben wir mal die Gelegenheit am Schopfe gepackt und das Eintreffen einiger Probierweine des unterfränkischen Weinguts Deppisch zum Anlass genommen, Johannes Deppisch ein paar Fragen zu den Besonderheiten der Region zu stellen.

Johannes führt das traditionsreiche, aber wie er sagt: nicht traditionelle Weingut Deppisch bereits in 5. Generation und legt Wert darauf, nicht die Asche aufzuheben, sondern die Flamme weiter brennen zu lassen und dabei vorwärts zu schreiten...und empfiehlt sich somit als geeigneter Gesprächspartner.

...tastes like Wine!: Wenn man an fränkischen Wein denkt, kommt man früher oder später auf den Bocksbeutel. Woher kommt diese Tradition und was hat es mit dem Bocksbeutel auf sich?

Johannes Deppisch: Im Jahre 1728 hat der Stadtrat von Würzburg festgelegt, dass nur hochwertige Frankenweine in diese spezielle Flasche abgefüllt werden dürfen. Dieses fast 300 Jahre alte Dekret ist in allen Weingesetzen bis heute erhalten geblieben und für alle Deutschen Anbaugebiete und darüber hinaus gesetzlich verankert. Über diese lange Zeit ist der Bocksbeutel vermutlich das älteste Markenzeichen der Welt und wir Fränkischen Winzer sind froh, es für unsere hochwertigen Weine nutzen zu können.

...tastes like Wine!: Und woher kommt der Name? Hat das wirklich im Hodensack des Ziegenbocks seinen Ursprung?

Bocksbeutel Franken

Bocksbeutel

Johannes Deppisch: Es gibt da verschiedene Deutungen. Die Version mit dem Ziegenbock ist verbreitet und auch nachvollziehbar. Charmanter und wahrscheinlicher finde ich aber eine andere: Der Weinbau in Franken wurde nicht durch die Römer, sondern im 7./8. Jahrhundert nach der Christianisierung durch Mönche begründet. Die Klöster waren die Keimzelle des Weinbaus in Franken. Die Mönche trugen bei der Feldarbeit und unterwegs einen Lederbeutel am Gewand, in dem ihr Gebetsbuch steckte – der 'Bucksbeutel', also Buchbeutel. Da die Mönche aber das Gebetsbuch auswendig konnten, tauschten sie es heimlich gegen eine bauchige Flasche aus, die in dem Beutel nicht auffiel.

...tastes like Wine!: Verwenden auch heute noch die meisten fränkischen Winzer*innen den Bocksbeutel oder ist das "nur" ein Posten im Sortiment, der vornehmlich für Tourist*innen gedacht ist?

Johannes Deppisch: Alle Fränkischen Winzer, die sich der Besonderheit des Fränkischen Bocksbeutels bewusst sind, nutzen diese Flasche konsequent als Alleinstellungsmerkmal. Dies gilt sowohl für regionale, aber besonders auch für internationale Kunden.

...tastes like Wine!: Welche Besonderheiten hat das Weinbaugebiet Franken noch zu bieten? Was unterscheidet die Region von anderen Weinbaugebieten?

Johannes Deppisch: Franken hat nicht nur eine sehr vielseitig-interessante Kulturlandschaft mit zahlreichen schmucken kleinen Orten und einer wunderbaren Bausubstanz. Franken hat auch eine bedeutende Geschichte, die teilweise heute noch in vielen Familien seit Generationen weitergetragen und in der aktuellen Zeit bewusst gelebt wird. Auch die Fränkische Küche mit den regionalen Spezialitäten gilt für viele als besonders schmackhaft. Viele junge Gastronomen haben die bodenständige Küche mit modernen Akzenten sehr interessant weiterentwickelt. Bei allen gesellschaftlichen und kulinarischen Ereignissen steht der regionale Wein als zentrales Element im Mittelpunkt.

...tastes like Wine!: In Franken wird überdurchschnittlich viel Weißwein angebaut...warum?

Johannes Deppisch: Während im Mittelalter Franken als reines Rotwein-Anbaugebiet mit einer riesigen Anbaufläche bekannt war, ging der Weinbau und besonders auch der Rotwein-Anbau bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts kontinuierlich zurück. Mit der Reblaus-Epedemie fand der Weinanbau in Franken seinen historischen Tiefpunkt. Langsam und erst nach Ende des 2. Weltkriegs erlebte der Fränkische Weinbau erst wieder eine Erholung. In den 50er und 60er Jahren wurden vornehmlich Weißweinsorten angebaut, weil die ertragsstabiler waren – mit ein paar Ausnahmen wie Klingenberg am Main oder Bürgstadt am Main, die weiterhin Rotweininseln waren. Durch viele Flurbereinigungen in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden viele Rebflächen neu kultiviert. Die starke Nachfrage nach Fränkischem Rotwein führte zu einem Anstieg von 1 Prozent in den 60er Jahren zu bis zu 20 Prozent heute. Inzwischen dürfte die Sättigungsgrenze für Rotweine erreicht sein.

Besten Dank an Johannes für das Interview. Die Weine werden wir nächste Woche vorstellen...

Wer einen Blick auf die Seite des Weinguts Deppisch werfen will, kann das hier tun.

Bilder: Weingut Deppisch