Ungarischer Wein? “Nullum vinum nisi hungaricum!”

ungarischer Wein
Der Berg Szarsomylo: das Wahrzeichen Villánys

– Interview mit Susann Hanauer vom Weingut Wassmann –

Nach Ungarn ziehen, um dort ein Weingut zu gründen? Susann Hanauer und Ralf Waßmann haben genau das getan - und wir haben Susann mal gefragt, warum eigentlich...

ungarischer Wein

Susann und Ralf bei der Weinlese

...tastes like Wine!: Du betreibst mit Deinem Partner Ralf ein Weingut in Ungarn. Wenn ich das richtig verstanden habe, seid Ihr vor einigen Jahren extra nach Ungarn gegangen, um dort Wein anzubauen...ein ungewöhnlicher Schritt, oder? Erzähl doch mal, wie es dazu kam und welche Vorteile Euer Standort und ungarischer Wein aus Eurer Sicht hat.

Susann Hanauer: Ralf hat in Geisenheim Weinbau und Getränketechnologie studiert. Er wurde als Weinbegeisterter geboren und begann schon als Teenager aus allen möglichen Früchten, wie Hagebutten oder Rhabarber, Wein zu machen, weil es in seiner Heimat, dem Südharz, keine Trauben gab. Der Traum war also das eigene Weingut. Als junges Paar in Deutschland war das recht schwierig zu realisieren. Da las ich 1997 zufällig bei Hugh Johnson, dass der beste Portugieser der Welt in Villány, in Südungarn wächst. Also nichts wie hin! Was als reine Weinreise geplant war, endete mit dem Kauf eines Weinkellers und eines donauschwäbischen Bauernhauses.

Nicht nur die Portugieser, die wir kosteten, auch die Weine aus anderen Rebsorten waren unglaublich überzeugend und erstaunlich preiswert. Wir konnten gar nicht glauben, dass davon in Deutschland kaum jemand etwas wusste und waren überzeugt, dass es nur ein paar Jahre dauern würde, bis Villány seinen Weltruf in der Weinwelt, den es bis zu den Weltkriegen ja durchaus innehatte, wieder erlangen würde. Das war unsere Chance und wir griffen ganz spontan zu.

Die Vorteile liegen eindeutig in der langen Tradition wie auch im weltweit einzigartigen Terroir: Ungarn und Villány haben eine sehr lange Weintradition. Schon römische Kaiser wussten edlen Wein aus Ungarn zu schätzen. Lange gab es allgemein in den europäischen Königshäusern den Spruch "nullum vinum nisi hungaricum" (Kein Wein außer ungarischem). Die Tradition in Villány reicht vielleicht sogar bis zu den Kelten zurück, eindeutig jedoch bis zu den Römern. Villány verfügt über ein einzigartiges, mit keinem anderen Weinbaugebiet vergleichbares Terroir. Die Region liegt im Südwesten von Ungarn ca. 35 km südlich von Pécs, nahe der Grenze zu Kroatien und damit klimatisch auf der Grenze zwischen mediterranem und kontinentalem Klima.

ungarischer Wein

Der Villányer Boden ist kalkhaltiger, mineralischer Lehm und Löss. Der Boden ist dadurch sehr wasserhaltefähig und eher kalt. D.h., er nimmt Wärme auf, gibt aber, im Gegensatz zu steinigen Böden, wenig davon wieder ab. Unser Boden hier ist verantwortlich für die hohe Mineralität, die feine Struktur und den kräftigen Körper der Villányer Weine. Durch die mächtige Lehm-Löss- Schicht auf dem Kalkuntergrund wird auch in den langen, heißen und trockenen Sommern genügend Wasser für die Reben gespeichert, so dass in Villány keinerlei Bewässerung nötig ist. Ein sehr wichtiger Vorteil, wenn es um Spitzenweine geht. Einerseits treffen also heiße Sommer auf kalte Winter, heiße Sonne trifft auf kühlen Boden und immer wieder wird dieses Aufeinandertreffen der Extreme abgemildert durch den Einfluss des mediterranen Klimas. Je nachdem, welchen Klimatyp der Jahrgang hat, sind die einzelnen Aspekte in den einzelnen Rebsorten unterschiedlich stark ausgeprägt, was den Villányer Jahrgängen eine außerordentliche Vielfalt verleiht. Zudem sind diese Bedingungen für sehr viele Rebsorten – weiß und rot – ideal, so dass man in Villány mit sehr vielen unterschiedlichen Rebsorten auf sehr hohem Niveau arbeiten kann, das gibt es meines Wissens sonst nirgends auf der Welt. Wir genießen all diese Möglichkeiten und diese Vielfalt mit ihren unzähligen Herausforderungen in vollen Zügen und können uns sowohl im Weinberg als auch bei der Vinifizierung voll austoben und verwirklichen.

Welche Besonderheiten kennzeichnen den Weinbau in Ungarn sonst noch?

Ungarn ist ein sehr vielfältiges Weinland. Von Weltklasse-Rotwein in Villány im Süden bis zum weltberühmten weißen Süßwein aus Tokaj im Nordosten ist alles vertreten. Es gibt 22 Weinbaugebiete über das ganze Land verteilt, mit sehr unterschiedlichen und reizvollen Landschaften, sehr unterschiedlichen Terroirs, unzähligen, auch sehr vielen autochthonen Rebsorten und der sprichwörtlichen Gastfreundschaft der ungarischen Winzer. Villány im speziellen ist stark von den Donauschwaben, die Ende des 17. Jahrhunderts hier angesiedelt wurden, geprägt. Sie brachten die Hauptrebsorten Óportó (Portugieser) und Kékfrankos (Blaufränkisch / Lemberger) mit und auch die Art und Weise, wie hier bis heute Wein bereitet wird.

Seid Ihr eine Ausnahme oder wählen auch andere ganz bewußt Ungarn als Standort für ihr Weingut?

In ganz Ungarn gibt es – wie wahrscheinlich überall auf der Welt – natürlich auch ausländische Winzer. Das geht vom kleinen Weingarten für den Eigenbedarf, über kleine und mittelgroße Weingüter bis hin zu ausländischen Großinvestoren mit sehr großen Weingütern. In Villány direkt gibt es auch ein paar Ausländer.

Wein Ungarn

Bei Susann und Ralf ist ungarischer Wein Handarbeit

Welche Rebsorten sind typisch für Eure Region und welche baut Ihr an?

Villány gilt als das führende Rotwein-Gebiet in Ungarn. Im Bereich Siklós werden auf Böden mit höherem Kalkgehalt seit Jahrhunderten aber auch hochwertige Weißweine erzeugt. Es werden hauptsächlich die roten Sorten Portugieser, Kékfrankos (Lemberger, Blaufränkisch), Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Merlot, Pinot Noir, Kadarka und Syrah und die weißen Rebsorten Olaszrizling (Welschriesling), Hárslevelü (Lindenblättriger), Királyleanyka (Königstochter), Gewürztraminer, Chardonnay und Sauvignon Blanc angebaut. Wir setzen v.a. auf die regions-typischen Rebsorten, die Ende des 17. Jahrhunderts mit den Donauschwaben nach Ungarn kamen: Bei Rotwein sind das bei uns unsere Hauptsorte Kékfrankos (wörtlich übersetzt Blaufränkisch) und Kékoportó, der neuerdings Portugieser genannt werden muss. Im Weißwein ist das der Olaszrizling (Welschriesling, englisch: italian riesling), der 1850 über die Steiermark aus der Champagne hierher kam.

Siklós, die Gemarkung im Villányer Weinbaugebiet wo unsere Rebflächen liegen, gilt hierzulande als eines der besten Welschriesling-Terroirs. Die sogenannten internationalen Sorten sind hier aber auch schon seit über hundert Jahren heimisch, sind also lange etabliert und keinsfalls eine neue oder kurzfristige Modeerscheinung, denn sie kamen schon damals aufgrund der Reblausseuche nach Villány. Hier hat nämlich Sigmund Teleki seit 1890 sehr erfolgreich Unterlagenzucht betrieben und damit den europäischen Weinbau gerettet, weshalb Winzer aus ganz Europa ihre Sorten zu ihm schickten, damit er Versuche machen konnte. Und viele Rebsorten fühlten sich hier so wohl und ergaben so hochkarätige Weine, dass sie natürlich geblieben sind. Deshalb bauen wir auch Merlot, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc an.

Cabernet Franc spielt dabei eine ganz wichtige und sehr spezielle Rolle: Er wird außer an der Loire nur hier in Villány reinsortig ausgebaut und wie der berühmte Terroirforscher und Weinbauberater Claude Bourguignon und seine Frau im November auf der ersten internationalen Cabernet Franc Konferrenz in Villány bestätigt haben, haben wir hier in Villány ein absolut herausragendes Terroir für diese Sorte. Michael Broadbent (MW) hatte ja schon im Jahre 2000 im Decanter Magazin geschrieben, dass Cabernet Franc seine Heimat in Villány gefunden habe. Wir Villányer Winzer sind überzeugt, dass wir mit unseren reinsortigen Cabernet Francs, für die innerhalb der Klassifizierung DHC Villány nochmals strengere Regeln gelten und die sich dann "Villányi Franc" nennen, in Zukunft auch international für Aufmerksamkeit sorgen können. National haben wir mit unserem WASSMANN Cabernet Franc 2012 schon den "Olymp" erreicht, als er 2015 bei der nationalen Rotweinauswahl unter die drei besten Rotweine des Landes gewählt wurde.

Wie erklärst Du Dir Euren Erfolg?

Durch unsere biodynamische Wirtschaftsweise und unsere Philosophie. Unsere Weine bringen die Besonderheiten der Rebsorte, der örtlichen Geologie und des Klimas, mit anderen Worten das Terroir zum Ausdruck. Nur vitale Rebstöcke auf lebendigem, humusreichem Boden bringen gesunde Trauben voller Geschmack hervor. Wichtig ist auch ein optimales Gleichgewicht zwischen der Rebe und ihrem Ertrag. Deshalb begrenzen wir ihn bereits beim Rebschnitt ganz individuell.

Unsere Böden und Rebstöcke pflegen wir übers Jahr mit biodynamischen Präparaten. So entsteht Terroir-Wein im wahren Wortsinne. Im Presshaus und im Weinkeller gilt es das Geschenk des Bodens und der Sonne zu bewahren. Damit die Weine sich voll entfalten können, verzichten wir auf jede chemische Manipulation und auch auf Reinzuchthefen und -bakterien. Sowohl alkoholische als auch malolaktische Gärung erfolgen bei uns spontan. Wir setzen sowieso außer ein wenig Sulfit keinerlei weitere Weinbehandlungsmittel zu.

Unsere Weine sind allesamt handwerklich, naturrein, vegan und schwefelarm. All dies können nicht so viele Winzer über sich sagen. Angst und Sicherheit spielen leider in der Weinbranche eine große Rolle und die Ausbildung zum Winzer oder Önologen besteht zu einem Großteil darin, wie man mit Hilfsmitteln und -stoffen mit Sicherheit und ohne schlaflose Nächte zu einem trinkbaren Wein kommt. Ralf hat das natürlich auch alles gelernt und wir beide wissen über die Risiken unserer Art zu arbeiten bestens Bescheid, haben aber tiefes Vertrauen in die Natur und sind davon überzeugt, dass Qualität und authentischer Trinkgenuss und im Bestfall Weine, die uns nicht nur schmecken, sondern auch berühren, nur im Einklang mit der Natur entstehen können.

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Der Weinkeller des Weinguts Wassmann

Ihr seid, wie Du beschrieben hast, als Bioweingut vor einigen Jahren auf biodynamischen Weinbau umgestiegen – ist biologischer und biodynamischer Weinbau in Ungarn verbreitet und akzeptiert?

Akzeptiert in jedem Fall, wobei ich mir auch nicht vorstellen kann, warum jemand Bioweinbau nicht akzeptieren sollte. Verbreitet wäre dagegen übertrieben, wobei auch da Villány eine spezielle Rolle spielt, es hat nämlich aktuell prozentual den höchsten Anteil von biologisch bewirtschafteten Weinbergen in Ungarn. Wir waren 1998 die ersten, die in Villány auf Bioweinbau umgestellt haben. Inzwischen haben in Villány mehrere große Weingüter ganz oder teilweise auf Bio umgestellt und weitere tun es. Die Villányer Winzer, die übrigens zum Großteil deutschstämmige Donauschwaben sind, sind schon immer am innovativsten gewesen von den 22 Weinbaugebieten hierzulande: Sie haben die erste ungarische Weinstraße (Weinstraße Villány-Siklós) und die erste geschützte Herkunftsgarantie (Districtus Hungaricus Controllatus – kurz DHC- Villány) ins Leben gerufen und gehen auch in Sachen Ökologie mit gutem Beispiel voran. Wir alleine beraten inzwischen schon 3 Weingüter mit insgesamt 44 Hektar, was ökologischen Rebbau angeht. Ganz Villány hat insgesamt nur ca. 2500 Hektar Weinbaufläche.

Das Interesse an Biodynamie steigt auch, aber langsamer. Biodynamie, Demeter und Rudolf Steiner sind hierzulande längst nicht so bekannt wie in Deutschland, obwohl Rudolf Steiner auf damals ungarischem Boden geboren wurde. Es gibt zwar schon einige Waldorfschulen, aber die biodynamische Landwirtschaft ist noch sehr unbekannt. Wir sind erst das zweite Weingut in ganz Ungarn, das Demeter-zertifiziert ist. Aber immer mehr Winzer arbeiten auch mit den biodynamischen Präparaten und wir unterstützen auch hier unsere Kollegen so gut es geht.

Verkauft Ihr Euren Wein auch in Ungarn oder exportiert Ihr hauptsächlich?

Zuerst haben wir hauptsächlich über unseren deutschen Onlineshop nach Deutschland und in die EU verkauft, aber das hat sich sehr gewandelt, weil wir uns vor 2 Jahren einerseits der Natur-Winzer-Gemeinschaft Terra Hungarica angeschlossen haben und andererseits in den Weinführer Gault&Millau Ungarn aufgenommen und dort gleich mit 3 Trauben bedacht wurden. Beides zusammen hat uns hierzulande recht bekannt gemacht. Inzwischen verkaufen wir den meisten Wein nach Budapest in die Spitzen- und Sterne-Gastronomie. Wie in Skandinavien auch, gibt es in Ungarn einen deutlichen Trend in diesen Restaurants hin zu "Naturweinen". Wir waren die ersten, die solche Weine aus Villány bieten konnten und profitieren nun nachhaltig davon. Dabei sind unsere deutschen und europäischen Privatkunden weiterhin ein sehr wichtiges Standbein für uns und wir wissen ihre Treue sehr zu schätzen!

Mit 2 Hektar ist Euer Weingut recht klein. Habt Ihr Pläne für die Zukunft, den Weinbau auszudehnen oder seid Ihr ganz zufrieden so wie es ist?

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Ralf stumpt den Tresterhut unter

2 Hektar ist für ein handwerkliches, biodynamisches Weingut, wie wir es sind, die ideale Größe. Natürlich könnten wir inzwischen viel mehr Wein verkaufen, aber wir müssten das handwerkliche aufgeben und mehr mechanisieren, maschinisieren und auch in größere Keller und Lager investieren. Wir bräuchten auch Angestellte, denn zu zweit wäre es dann nicht mehr zu schaffen. Neben der Liebe zum Wein, war es aber auch die Liebe zur Freiheit, die uns nach Villány brachte. Außer dem Wetter haben wir keinen Boss und keine Zwänge mehr. Sobald wir vergrößern würden, wäre diese Freiheit passé. Das können wir uns nicht mehr vorstellen. Lieber kleinere Brötchen backen und dafür sein eigener Herr sein. Oder wie unsere Philosophie im Weinbau und in der Weinbereitung auch lautet: Weniger ist mehr! Schön veranschaulicht auch im Video von Terra Hungarica über uns (deutscher Untertitel vorhanden):

Vielen Dank an Susann für das Interview!

Wer jetzt Interesse an ungarischem Wein oder speziell am Weingut Wassmann bekommen hat, kann hier einen Blick auf die Webseite der Wahlmagyaren werfen: Weingut Wassmann

Alle Bilder: Weingut Wassmann

1 Kommentar

  • EC sagt:

    In Villány hat auch der Berliner Hummel sein Weingut aufgebaut. Dessen Kekfrankos hat mich allerdings erst kürzlich enttäuscht. Damit will ich jetzt keine grundsätzliche Wertung über die Region oder die dort tätigen deutschen Winzer abgeben, aber die besten Weine aus Ungarn, die ich bis jetzt getrunken habe, stammten aus Somloi oder der ungarischen Seite des Neusiedlersees.

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