Nieder mit der Weinkönigin!

WeinköniginWie jede andere hochseriöse Zeitung werden auch wir nun in regelmäßigen Abständen einen Leitkommentar aus der Chefredaktion veröffentlichen – und fangen gleich mal an...

 

Vor Kurzem stand sie wieder an: die Wahl zur Deutschen Weinkönigin. Nun fühle ich mich eher den Gedanken der Französischen Revolution verpflichtet, sodass ich diese überkommene monarchische Inszenierung stets etwas argwöhnisch betrachte und gerne daran erinnern möchte, woher die Barrikaden ihren Namen haben. Aber Spaß beiseite, dies ist natürlich nicht der einzige Grund, weshalb am Thron der Weinkönigin gesägt werden sollte!

 

Weinkönigin

Die 67. Deutsche Weinkönigin Josefine Schlumberger (Mitte) und die Weinprinzessinnen Caroline Guthier (links) und Katharina Fladung. - Bild: DWI

Der provokante Titel richtet sich freilich nicht gegen die "amtierende" Weinkönigin in Person. Josefine Schlumberger heißt sie, kommt aus Baden und ich kenne sie nicht. Sicher ist sie ein netter Mensch. Aber die Rolle, in die sie schlüpft (wer will es ihr vorwerfen, wenn die Mehrheitsgesellschaft applaudiert?), ist doch zumindest diskutabel. Da lassen sich erwachsene Menschen in Kostüme zwängen und funkelnde Krönchen aufsetzen, deren majestätischer Charakter höchstens Kinder und Greise begeistert (jaja, ich weiß auch, dass die mittlerweile eher selten getragen werden). Das ist nicht nur albern, sondern spiegelt auch den nach wie vor wirkmächtigen Sexismus wider. Erwachsene Frauen, deren Aufgabe es ist, sich an über 200 Tagen im Jahr als dauerlächelndes Accessoire für Fotoshootings zur Verfügung zu stellen. Gut, dies bildet nur einen Aspekt ab und natürlich hat die Weinkönigin, ebenso wie ihre Weinprinzessinen, auch andere Aufgaben, zu denen bspw. auch moderieren und reden gehört. Dies unterscheidet die heutige Weinkönigin von früheren und auch von den stummen "Messegirls" auf Autoshows und dergleichen, deren einziger Job es ist, dem sexualisierten, objektivierenden männlichen Blick zu entsprechen (by the way: in China herrscht auf Auto-Messen künftig Hostessenverbot, damit die Hersteller ihre Fahrzeuge wieder auf "gesunde Weise" anpreisen können, wie die Welt berichtete (gleich neben einer "So sexy ist ..."-Werbung)  Aber der Grundgedanke ist doch der gleiche. Da wird zur Präsentation und Bewerbung des deutschen Weines eine junge, hübsche deutsche Frau "verwendet", deren Weinkompetenz, so sehr sie heute vorausgesetzt wird, doch in der Praxis eher eine nebensächliche Anheftung an die Grundaufgabe darstellt.

Aber ist das so richtig? Wir haben mal beim Deutschen Weininstitut (DWI), dem Ausrichter der Weinköniginnen-Wahl, nachgefragt, was es eigentlich mit diesem Amt auf sich hat und was eine moderne Weinkönigin auszeichnet – und das DWI war so freundlich, zu antworten:

"Die Deutsche Weinkönigin ist die Vertreterin aller deutschen Winzer und Weine. Das DWI setzt die Deutsche Weinkönigin und ihre beiden Prinzessinnen jährlich auf über 200 Terminen ein, zu denen auch zahlreiche Präsentationen im Ausland gehören. Ihre Aufgabe ist es, Wissen über den Wein, seine Entstehung, seine Qualitäten, seinen Genusswert und vieles mehr zu vermitteln."

Braucht man dafür eine Weinkönigin? Würds dafür nicht auch ein Maskottchen, das vielleicht 'Traubi' heißen könnte, tun?

Aber, immerhin, kam auch beim DWI die Frage auf, ob sich die Figur einer Weinköniging nicht mittlerweile überholt habe, "ob man sie nicht vielleicht langsam in Rente schicken sollte", wie DWI-Geschäftsführerin Monika Reule in ihrer Rede vor der Wahl der 67. Deutschen Weinkönigin bei der Verabschiedung der scheidenden Würdenträgerinnen formulierte. Was Reule aber sogleich als absurd zurückwies. Vielmehr wurde (konkret im Hinblick auf die letzte Weinkönigin Janina Huhn) eine Parallele zu Johanna von Orléans gezogen, der kämpferischen Französin, die hierzulande wahrscheinlich besser unter dem Namen Jean d'Arc bekannt ist. Eine kreative Interpretation.

"Die Öffentlichkeit nimmt die Deutschen Weinköniginnen als engagierte Fachfrauen wahr, die zu nahezu allen Weinthemen kompetent Stellung nehmen. Sie selbst sehen sich im Dienst des deutschen Weins, als Botschafterinnen eines traditionsreichen Weinbaus ebenso wie der modernen Weinkultur. Dass sie damit auch heute Aktualität und Relevanz haben, zeigen - unter anderem – über 10.000 Fans und Follower auf Facebook. Das Amt wurde kontinuierlich modifiziert, modernisiert und an die Erfordernisse der Gegenwart angepasst. Und natürlich prägen die jungen Fachfrauen ihr Amt auch durch ihre jeweilige Persönlichkeit."

...so das DWI. Tatsächlich: Mittlerweile ist die Inszenierung modernisiert, auch die Jeans geht mal durch und signalisiert einen relaxten Lebensstil, bei dem ein Glas Wein nicht fehlen darf. Aber trotzdem und nochmal: Braucht man dafür wirklich noch eine Weinkönigin und Weinprinzessinnen? Muss man die alten Geschlechterrollen und -bilder (die von dem aktuellen Promovideo leider durchgehend bestätigt werden, inkl. Fußball als kosmetische Anti-Referenz – siehe unten) derart aufrecht erhalten? 10.000 Facebook-Fans sagen ja, wahrscheinlich auch noch viel mehr Menschen. Ich finds blöd....

So, jetzt haben wir uns fürs Erste genug unbeliebt gemacht. Was haltet Ihr davon? Findet Ihr eine Weinkönigin zeitgemäß? Oder unseren Artikel unangebracht? Wir freuen uns auf Eure Kommentare!