Mendoza: Innenansichten von einem, der auszog, das Weintrinken zu lernen

Wein Mendoza
Weinfelder bei Nieto Senetiner im Sommer

– Gastbeitrag von Michael Walz –

Wein Mendoza

Weinfelder bei Nieto Senetiner im Sommer

Die Jungs von ...tastes like Wine! haben kürzlich Mendoza in einem ihrer Artikel erwähnt, und für diejenigen, die ein bisschen mehr über Südamerikas größtes Weinanbaugebiet erfahren möchten, gibt‘s in den folgenden Zeilen noch ein paar Infos aus meiner Sicht als Weintour-Guide und zum Weinfreund konvertiertem, ehemals überzeugtem Biertrinker.

Michael Walz Mendoza

Michael Walz

Als ich 2005 hierher nach Mendoza kam, im zentralen Westen Argentiniens gelegen, hatte ich mit Wein nicht viel am Hut. Geboren in einer ostbayerischen Stadt, die bei einer Einwohnerzahl von 50.000 auf 21 Brauereien kommt, sollte einen das auch nicht wundern. Wein gab ich mir nur ab und zu, und wirklich gute Tropfen, wie Shiraz von Penfolds oder Rosemount Estate, waren die absolute Ausnahme und außerdem geschenkt.

Malbec, Argentiniens Aushänge-Rebsorte, war mir gänzlich unbekannt und hat sich erst im Lauf der Jahre zu meinem Lieblingswein entwickelt, so wie ein sperriges Rockalbum, das man erst gefühlte 5.000 mal anhören muss, bis es einen nicht mehr loslässt. Was einem Quantensprung bezüglich meines Interesses an Wein gleichkam, waren zwei Jahre Englischunterricht bei Nieto Senetiner, einer der größten und am professionellsten geführten Kellereien Argentiniens. Dort waren Manager, Kellermeister und Chef-Agronom meine „Schüler“ und brachten mir im Gegenzug zu gefestigten Grammatik-Kenntnissen und gepflegtem Small-Talk auf Englisch so einiges über Wein und die Weinindustrie Argentiniens bei. Die Jungs begeisterten mich so sehr, dass ich mich 2014 prompt im Wine Institute Mendoza zum Experten für Weintourismus ausbilden ließ. Als Reiseleiter hier in Mendoza arbeite ich schon seit 2011 und biete seit März 2015 unter Vintuition Tours maβgeschneiderte Weintouren an. Jetzt aber mal ein paar Facts über, na, richtig, Wein.

Mendoza Argentinien

Argentiniens Aushängeschild, fotografiert auf dem Weingut Mendel

Argentinien ist derzeit fünftgrösster Weinproduzent der Welt und exportiert den gegorenen Traubensaft in über 90 Länder. Zwei Drittel des Exports gehen allerdings in nur fünf Länder: die USA, Kanada, Großbritannien, Brasilien und die Niederlande. Was die Provinz Mendoza selbst betrifft, so ist die Region für ungefähr drei Viertel der nationalen Weinproduktion verantwortlich, und Wein wird hier auf einer größeren Fläche als in Chile angebaut. Von Weinbergen würde ich, was Mendoza betrifft, im Übrigen nicht sprechen, eher von Weinfeldern, weil hier, am Fuß der Anden, überwiegend sehr großflächig in der Ebene angebaut wird.

Wein Mendoza

Weinfelder bei Dominio del Plata im Sommer

In Mendoza gibt’s schätzungsweise 1.500 Weingüter und Kellereien, verteilt über eine Fläche, die 40 Prozent derer Deutschlands entspricht. Das Tolle ist, und hier spreche ich aus meiner Erfahrung als Reiseleiter, dass sich innerhalb eines halben Tages Weingüter verschiedenster Art abklappern lassen: Giganten wie Catena Zapata, mittelgroße Weingüter wie Alta Vista, wo einem hauseigene Meerschweinchen beim gediegenen Picknick im Park über den Weg laufen können, Dominio del Plata, das von Argentiniens erster ausgebildeter Kellermeisterin gegründet wurde, oder kleine, aber superfeine Boutique-Kellereien wie Mendel sowie sprichwörtliche Garagen-Kellereien wie Carmelo Patti. Sie alle liegen nicht mehr als eine halbe Stunde im Auto von Mendozas Stadtkern entfernt, in Luján de Cuyo und Maipú, Mendozas ältesten Weinbaugebieten. Fährt man ‘ne gute Stunde weiter nach Südwesten, ins fruchtbare Tal Valle de Uco, findet man tolle Weine gepaart mit spektakulärer moderner Architektur. Besonders zu erwähnen sind die Weingüter O. Fournier, Clos de Los Siete, Salentein und Atamisque.

Mendoza Argentinien

Nicht Indiana Jones' Wochenendhäuschen, sondern die Kellerei Catena Zapata

Weingut Mendoza

Wenn Darth Vader ein Weingut hätte...

Mendoza und sein nördlicher Nachbar San Juan bildeten das Zentrum argentinischen Weinbaus, seit hier Wein angebaut wird. Genauer gesagt, brachte ein spanischer Priester namens Juan Cedrón die ersten Rebstöcke 1557 nach Argentinien und nur ein paar Jahre später wurde Wein auch in Mendoza und San Juan angebaut. Malbec kam erst fast 300 Jahre später hier an, als Mendozas weitsichtige Provinzregierung den französischen Agronomen Michel Pouget bat, doch mal die für Bordeaux typischen Rebsorten Cabernet Sauvignon, Merlot und eben Malbec von Chile rüberwachsen zu lassen. War Malbec in Frankreich immer eine Rebsorte zweiter Güteklasse, so halfen die klimatischen Bedingungen in Mendoza, sein volles Potenzial auszuschöpfen. Besonders hilfreich sind hier die durchschnittlich 320 Sonnentage pro Jahr (der Wert gilt für Mendoza, in San Juan sind’s schlappe 330) und ein hoher Temperaturunterschied (im Sommer an die 40° C tagsüber und zwischen 15 und 20° C nachts). Nur am Rand: Bis zur Monster-Reblausplage in den 1860er Jahren, die in Europa enormen Schaden anrichtete, waren gut 60 Prozent aller um Bordeaux herum angebauten Trauben Malbec.

Wird Wein aus Mendoza (und Argentinien) zweifelsfrei mit Malbec assoziiert, heißt das noch lange nicht, dass andere Weine von hier nichts taugen. Es gibt auch ganz ordentlichen Cabernet Sauvignon (so einen genehmige ich mir gerade beim Schreiben, klassisch, mit ausgeprägten Pfeffer- und Grüne-Paprika-Noten), sowie Merlot und Pinot Noir (die allerdings eher aus Patagonien), Shiraz (San Juan) und Tannat (Salta und La Rioja). Ein besonders zu erwähnender argentinischer Weißwein ist der Torrontés, eine Kreuzung zwischen der einheimischen Rebsorte Criolla und Muskateller. Torrontés hat ein wahnsinnig aromatisches Bouquet, zwischen Jasmin-Hurricane und tropischer Fruchtbombe, hält dann im Mund allerdings einige Überraschungen bereit (mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten). Der beste Torrontés gedeiht übrigens im Nordwesten Argentiniens, in der Provinz Salta, wo sich die höchstgelegen Weinberge der Welt befinden, auf mehr als 3.000 Metern über dem Meeresspiegel.

Mendoza Wein

Mendozas Hauptplatz Plaza Independencia

Sollten Sie jetzt ein bisschen auf den Geschmack gekommen sein: Die besten Reisezeiten für Mendoza, San Juan und Salta sind Oktober (Frühling auf der Südhalbkugel) oder März (Spätsommer). Sollten Sie im März kommen, dann am besten ums zweite Wochenende rum, denn da geht hier in Mendoza das größte Weinfest Südamerikas ab, die Vendimia. Weinköniginnen machen scharenweise die Gegend unsicher, und das Wasser in den öffentlichen Brunnen ist rot gefärbt um dem Kult des Weines zu huldigen. Für mich sieht das Ganze auch nach über zehn Jahren immer noch nach Kunstblut aus einem üblen Slasher-Movie aus. Naja, Geschmackssache.

Egal wann Sie kommen, Mendozas Charme, Sonne satt, klasse Wein und (für die Fleischfresser unter uns) Steaks treiben Freudentränen in die Augen und werden Sie schnell in Ihren Bann ziehen. Sie müssen es ja nicht soweit treiben wie ich: hierher kommen um zwei Monate lang Spanisch zu lernen, dann allerdings heiraten, eine Familie gründen und mit großer Begeisterung Besuchern aus Europa und Nordamerika Land, Leute und, last but not least, Weine näherzubringen. Würde mich freuen, Sie hier bald mit einem herzlichen „Grüß Gott!“ am Flughafen oder Busbahnhof Willkommen heißen zu können.

Besten Dank an Michael für den interessanten Artikel! Wer mehr über Vintuition Tours erfahren will: Hier gehts zur Webseite... 

Alle Bilder: Michael Walz