Biowein: Durch den Regen in die Traufe?

Regen Weinbau

Auch das etwas schönere Wetter der letzten Wochen, das ja auch schon wieder vorbei ist, kann nicht wirklich darüber hinwegtäuschen: der Sommer 2016 ist irgendwie scheiße! Zumindest in den meisten Regionen Deutschlands und wenn man bei der Bewertung die relevanten und allgemeingültigen Sommerkriterien wie konstant viele Sonnenstunden, hohe Temperaturen sowie Wolken- und Regenarmut zugrunde legt.

Besonders der Regen hat sich bisher öfter von seiner unwetterhaften Seite gezeigt, als vielen lieb ist. Was den einen den Badeseeaufenthalt vermiest hat, bedroht andere wie Bio-Winzer*innen im schlimmsten Fall in ihrer Existenz. Zwar freut sich die Natur zuweilen über reichlich Regen und explodiert infolge in Grüntönen, deren Existenz man bisher nur geahnt hat. Oder aber sie implodiert in Zeitlupe zu einer unansehnlichen, faulenden Masse...

Pilze statt Trauben

Während 2015 den Winzer*innen der heiße trockene Sommer zu schaffen machte (letztlich wurde es doch ein guter Jahrgang), folgte in diesem Jahr ein milder und ziemlich feuchter Sommer. Ein Ärgernis besonders für die biologisch arbeitenden Weingüter. Regen ist zwar auch bio, irgendwie, aber im Übermaß nicht biofreundlich. Zumindest nicht, wenn man versucht, ein Weingut zu führen. Denn anhaltender Regen in Kombination mit milden Temperaturen wirkt bei Rebstöcken wie ein Magnet auf Pilzerkrankungen.

regen weinbau

Und in diesem Jahr war es bekanntlich besonders schlimm. Mitte/Ende Juni berichteten zahlreiche Medien über die verzweifelte Lage der Bio-Winzer*innen. Die sich nicht anders zu helfen wußten, als Appelle an die Politik zu richten, das Pflanzenschutzmittel Kaliumphosphonat wieder nutzen zu dürfen. Seit 2013 darf es laut EU-Verordnung im Bio-Weinbau nicht mehr eingesetzt werden – eine vertrackte Sache, denn Kaliumphosphonat gilt als einzig wirksames Pflanzenschutzmittel gegen die Pilzerkrankung "Falscher Mehltau", die in allen großen Weinanbaugebieten Deutschlands (und auch darüber hinaus) ein flächendeckendes Problem darstellt – nicht nur für Bio-Winzer*innen, sondern auch für die konventionellen Betriebe. Seit Jahrzehnten sei der Befallsdruck nicht mehr so hoch gewesen wie in diesem Jahr, heißt es aus dem Deutschen Weininstitut (DWI). Allein in Rheinland-Pfalz sei ein Ernteausfall auf 6.000 Hektar zu befürchten.

Einzig wirksames Mittel für den Bio-Weinbau verboten

Bio-Winzer*innen standen bzw. stehen nun vor der Wahl, im Zweifel die Arbeit und Ernte eines Jahres zu verlieren oder den Zertifizierungskriterien zum trotz Kaliumphosphonat einzusetzen. Kann man natürlich machen, man muss dann jedoch im Folgejahr die gesamte Umstellungsphase auf ökologischen Weinbau, die in Deutschland 3 Jahre beträgt, wieder von vorne durchlaufen, wenn man das Bio-Siegel wiedererlangen möchte – für den gesamten Betrieb, auch wenn man nur eine einzelne Parzelle behandelt hat. Das überlegt man sich als Bio-Weingut freilich auch zweimal.

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Und die widrigen Witterungsbedingungen scheinen den Öko-Skeptiker*innen recht zu geben. Aus vielen Gesprächen mit Winzer*innen wissen wir, dass biologischer Weinbau für eine gute Sache gehalten wird, man jedoch nicht ohne Rettungsanker agieren möchte. Und jetzt rufen die Bio-Winzer*innen nach diesem Rettungsanker. Aber wäre der Einsatz von Kaliumphosphonat denn unter dem ökologischen Aspekt eine so große Sünde? Wir wissen es nicht und haben deshalb Ralf Dejas gefragt, der den Ökoweinbauverband Ecovin leitet. Und seine Antwort ist eindeutig: Nein. "Wir haben das Problem kommen sehen, weil ein wirksames Mittel gegen den Falschen Mehltau fehlt", so Dejas. Daher sei es entscheidend, dass Kaliumphosphonat wieder für den ökologischen Weinbau zugelassen wird. Ein Ökoverband wie Ecovin plädiert also vorbehaltlos für die Wiederzulassung eines Pflanzenschutzmittels? Hört sich komisch an, ist aber tatsächlich noch komischer...

"Wir haben das Problem kommen sehen."

Tatsächlich ist die Sache gleich doppelt vertrackt und auch ärgerlich für die Bio-Winzer*innen. Denn nach Angaben von Dejas wurde Kaliumphosphonat Anfang der 90er Jahre gerade von Expert*innen aus dem Bio-Sektor für den Bio-Sektor entwickelt. Jahrelang war es als sog. Pflanzenstärkungsmittel im Einsatz. Aufgrund von Gesetzesänderungen wurde es dann als Pflanzenschutzmittel geführt und 2013 für den Einsatz im ökologisch bewirtschafteten Weinberg verboten – die konventionell arbeitenden Kolleg*innen dürfen das ehemalige "Biomittel" weiterhin verwenden. Weil es jetzt als Pflanzenschutzmittel läuft, muss Kaliumphosphonat ein Listungsverfahren durchlaufen...komplizierte und langwierige Sache.

Falscher Mehltau

Ein anhaltend feuchtes Klima kann zum Entstehen und Ausbreiten der Pilzerkrankung Falscher Mehltau führen. Falsch bedeutet in diesem Zusammenhang leider nicht, dass es sich nicht um einen richtigen Pilz handelt – im Gegensatz zum Echten Mehltau tritt der Falsche lediglich auf der Blattunterseite auf. Die Krankheit befällt sowohl die Blätter der Rebstöcke als auch die jungen Trauben. Die betroffenen Beeren werden aussortiert und landen später nicht im Wein - man muss also keine Angst haben, später vergammelte Trauben zu trinken. Allerdings mindert ein Befall mit Falschem Mehltau die Ernte. Abhilfe könnte ein Wetterumschwung schaffen, der zu einem warmen, trockenen Restsommer und dadurch zu einem erhöhten Ertrag führt.

Eine Alternative ist auch der Griff zu modernen, pilzresistenten Rebsorten, den sog. PiWi's. Dazu zählen bspw. die rote Rebsorte Regent oder die weiße Rebsorte Johanniter. Diese Rebsorten sind nicht gänzlich resistent, sondern zeichnen sich durch eine höhere Widerstandsfähigkeit gegenüber Pilzerkrankungen aus. Das extreme Klima in diesem Jahr führte selbst auf vielen PiWi-Flächen zu Schäden.

Weinberg Rheingau

Die Zulassung für den ökologischen Weinbau steht aus, auf vielen Ebenen wird darum gestritten. Das Positive an der Sache sei, so Dejas, dass eigentlich alle landwirtschaftlichen und politischen Akteure in Deutschland hinsichtlich der Wiederzulassung an einem Strang ziehen – nur Brüssel und einige andere Weinbauländer wie Spanien stemmen sich noch dagegen. Abgesehen von dem Kräftemessen zwischen den Weinbauländern sind die Kritikpunkte bspw., dass Kaliumphosphonat systemisch wirkt, also in die Pflanze eindringt und von innen heraus wirkt (Kupfer bspw. hat eine sog. Kontaktwirkung, wirkt also von außen). Das sei jedoch kein grundsätzliches Zulassungshindernis, so Dejas, da im Biolandbau auch verschiedene systemische Präparate eingesetzt werden dürfen. Ein weiterer Kritikpunkt bezieht sich darauf, dass Kaliumphosphonat Rückstände verursachen könne. Auch das sei kein Problem, so der Ecovin-Chef, da das Pflanzenschutzmittel nur bis zur abgehenden Blüte eingesetzt werde. Und selbst wenn, sei das unproblematisch: "Kochsalz ist giftiger", so Dejas.

Regional große Unterschiede

Während einige Weingüter in Rheinhessen und der Pfalz bei verschiedenen Parzellen Komplettausfälle zu beklagen haben und sogar einige PiWi-Flächen große Schäden davon getragen haben, sehe es bei manchen Rebsorten wie dem Riesling in einigen Regionen ganz gut aus. Noch könne man keine Prognose zum Jahrgang 2016 geben, da bis zur Lese noch 1,5 bis 2 Monate vergehen und in dem Zeitraum viel Positives, aber auch Negatives wie die Kirschessigfliege passieren könne, erklärt der Ecovin-Vorsitzende. Sicher könne man die Auswirkungen des Wetters und des Falschen Mehltaus erst beziffern, wenn die Ernte im Keller sei. Aber so krass wie in diesem Jahr scheint es schon ewig nicht mehr gewesen zu sein: "Selbst die alten Hasen haben so etwas noch nie erlebt", meint Ralph Dejas. Aber: Untrinkbar werden die Weine nicht sein – im schlimmsten Fall verringert sich der Ertrag...aber das ist für die betroffenen Weingüter schon schlimm genug.

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