Nahe Wein: Boden klein und Riesling fein

Nahewein
Bild: Deutsches Weininstitut

Wird Zeit, dass wir unsere "Reihe" (hüstel) über die Weinanbaugebiete fortsetzen. Nachdem wir an dieser Stelle schon einen einführenden Blick auf Rheinhessen und die Mosel geworfen haben, ist nun aus naheliegenden Gründen ein weiteres Weinbaugebiet aus der Nachbarschaft dran: die Nahe.

Wein Nahe

Links unterhalb von Bingen: Das Weinbaugebiet Nahe - Ausschnitt aus DalGobboM/CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Klein, aber fein: so stellt sich das im Südwesten Deutschlands gelegene Weinbaugebiet Nahe gerne selbst dar. Und man ist tatsächlich versucht, dem zuzustimmen... Auch schon ohne Wein hat die dünnbesiedelte, auf den ersten Blick unauffällige Ecke zwischen Hunsrück und Nordpfälzer Bergland mit ihren Flüsschen und Bergchen und dem für deutsche Verhältnisse angenehm milden Klima (zumindest entlang des Flusses Nahe) ihren Reiz.

Nahe Wein

Die Nahe wandelt sich innerhalb weniger Kilometer vom größeren Bach (hier bei Staudernheim - Bild: ...tastes like Wine!) ...

Nahe Wein

...zum schönen Fluss: Hier fließt die Nahe am steilen Rotenfels bei Bad Münster am Stein vorbei. - Bild: Deutsches Weininstitut

Bei näherem Hinsehen sind wirklich tolle Ecken auszumachen: Der absolut erkundenswerte Soonwald (wenn Du gerne Spazieren oder Wandern gehst, kann ich Dir den gar nicht so wanderwegmäßigen Soonwaldsteig wärmstens empfehlen), die teils eindrucksvollen Felsformationen entlang der oft ursprünglich wirkenden Nahe bis Bad Kreuznach und dies hier und das dort. Eine wirklich schöne, abwechslungsreiche Gegend, v.a. wenn man gerade die Landwirtschaftswüste Rheinhessen durchquert hat.

Nahe Wein

Bild: Deutsches Weininstitut

Nahe: Das kleine Weinbaugebiet mit Geheimtipp-Charme

Ohje, das gibt wieder Ärger...aber egal. Die Wahrheit muss ja mal auf den Tisch und von irgendwelchen Marketingabteilungen wird man sie sicher nicht erfahren. Marketingmäßig trägt das Weinbaugebiet Nahe freilich auch dick auf (ein einzigartiger Mikrokosmos aus Gott und echten Typen) – muss ja, wenn die Kleinen auch Gehör finden wollen. Müssten sie aber auch gar nicht so doll, denn der Nahe Wein bzw. der Nahewein hat einen ziemlich guten Ruf...und mir scheint, er wird immer besser. Viele bekannte und entsprechend teure Weingüter liegen an der Nahe, andere gilt es noch zu entdecken, bei manchen kann man auch einfach die bodenständige Art und ordentlichen Wein genießen.

Nahewein

Bild: Deutsches Weininstitut

Direkt angrenzend zum rheingauer und rheinhessischen Weintrubel liegt das mit rund 4.200 ha vergleichsweise kleine Weinbaugebiet Nahe. Der Rheingau ist zwar noch ein kleines bißchen kleiner, dafür aber kompakter und als Weinbaugebiet zusammenhängender und dadurch irgendwie griffiger. Der Rheingau ist natürlich auch sehr schön, aber manchmal viel zu überlaufen. Dagegen muss man im Weinbaugebiet Nahe an manchen Stellen das Weinbaugebiet genau suchen. Wer die Ruhe sucht, sollte also den weitläufigen Nahe Wein erkunden, eine entspannte Landschaft (Großstädte gibts hier nicht), die mit schöner Regelmäßigkeit gespickt ist mit Weinbergen und Weingütern und dazwischen noch Platz zum Atmen lässt. Auch die Bedingungen für den Nahewein sind gut: relativ wenig Regen, viel Sonne und milde Temperaturen sowie mäßiger Wind dank des Hunsrücks.

Nahewein

Bild: Deutsches Weininstitut

Der Nahewein ist weiß

Schon vor rund 2.000 Jahren wurde an der Nahe Wein angebaut, ab dem frühen Mittelalter v.a. durch die Klöster, die den Weinbau systematisch vorangetrieben haben sollen. Am Disibodenberg soll auch der älteste Rebstock Deutschlands stehen, dessen Alter auf 500 bis 900 Jahre geschätzt wird. Es handelt sich dabei um die bis ins Mittelalter recht verbreitete und heute nahezu ausgestorbene Rebsorte Weißer Orléans. Die Winzer*innen sollen schon seit der Zeit Karls des Großen das Recht haben, Straußwirtschaften zu betreiben. Seit spätestens 1500 wird der Nahewein auch exportiert – mit dem Binger Kran auf Rheinschiffe verladen und dann ab in die Welt.

Nahewein

Weinberge in Windesheim an der Nahe - Bild: Deutsches Weininstitut

So, widmen wir uns nun den harten Fakten über den Nahe Wein. Zumindest ein bißchen. Ebenso wie in Rheinhessen und im Rheingau sowie an der Mosel und in der Pfalz (und an der Hessischen Bergstraße und am Mittelrhein...) hat sich der Riesling an der Nahe zur unbestrittenen Rebsorte Nr. 1 gemausert. Überhaupt ist das Weinbaugebiet Nahe Weißweinland. 75 Prozent der Rebflächen sind mit weißen Rebsorten bestockt. Nach dem Riesling sind das v.a. Müller-Thurgau/Rivaner und Silvaner (früher eine klassische Nahe Weinsorte), aber auch Weißburgunder und Grauburgunder sind im Kommen und in einigen Naheland-Winkeln werden sie als regelrechte Spezialitäten vermarktet. Aber schon mit dem Riesling ist man häufig gut bedient, wenn man ihn denn mag.

Nahe: Ein Weinbaugebiet am Boden

Das Weinbaugebiet Nahe kann die größte - und dabei rasch wechselnde - Bodenvielfalt aller Weinanbaugebiete in Deutschland vorweisen. An der unteren Nahe findet man viel Quarzit- und Schieferböden, in der Mitte häufig Porphyr bzw. vulkanisches Gestein, Melaphyr und Buntsandstein und am Oberlauf trifft man v.a. auf Verwitterungsböden und Tonüberlagerungen aus Sandstein, Löss und Lehm. Alle paar hundert Meter kann das wechseln – eine reizvolle Gegebenheit für den Weinbau und den Wein an der Nahe. Und, was viele wahrscheinlich nicht wissen: an der Nahe gibt es auch zahlreiche Steillagen, die nur Handernte möglich machen.

Nahewein

Bild: Deutsches Weininstitut

Die Bodenvielfalt findet sich im Glas wieder, das ist manchmal wirklich beeindruckend! Das Schöne an der Nahe ist, ähnlich wie im Rheingau, dass viele Winzer*innen vornehmlich Riesling anpflanzen und dann nicht die Riesenrebsortpalette im Angebot haben. Das ist deswegen schön, weil man dann gut bspw. die Rieslinge eines Weinguts aus verschiedenen Lagen durchprobieren kann. Die sind dann meist auf gleiche Weise gemacht und der einzige Unterschied liegt im Standort des Weinbergs – und das ist nicht selten ein mächtiger Geschmacksunterschied. Für alte Weinprofis ist das freilich ein ebenso alter Hut, wer sich langsam an die Weinwelt herantastet, dürfte einigermaßen beeindruckt sein – ein Erlebnis, das die Bedeutung des Bodens für den Wein(geschmack) unmittelbar erlebbar macht. Probierts am besten mal selbst aus... (einen interessanten Bericht über die geschmacklichen Eigenheiten unterschiedlicher Lagen findest Du z.B. hier)

Und zum Schluss ...emotionale Musik und schöne Bilder... das Nahe Wein Promovideo des Deutschen Weininstituts:

 

Suchst Du mehr Infos über das Naheland? Dann schau mal bei Moderne Topfologie vorbei, dem regionalen Blog mit vielen tollen Rezepten und Infos über die Region Nahe. 

3 Kommentare

  • Kai sagt:

    Hi!
    Ein schöner Artikel, der das Weinbaugebiet Nahe in anschaulicher und kompakter Form darstellt – allerdings mit einem klitzekleinen fachlichen Fehler: „Das kleine Weinbaugebiet mit GEHEIMTIPP-CHARME“? Klein – ok, aber Geheimtipp? Das war gestern – muss ich als Bürger des Nahelandes entgegen halten. Nach drei „Winzern des Jahres“ im GaultMillau und sechs Siegen beim Feinschmecker Riesling des Jahres-Wettbewerb ist es leider nicht mehr geheim, das hier an der Nahe die besten Rieslinge wachsen! Leider für die Weintrinker hier, denen der Stoff jetzt von „Auswärtigen“ weggesüppelt wird. :-))

    Viele Grüße!
    Kai

    • sb sagt:

      Hey Kai,

      ja, stimmt schon – alles eine Frage der Perspektive. Auch wenn die Nahe kein Geheimtipp mehr ist, so hat sie m.E. dennoch noch den Charme eines solchen. Wein-Kenner*innen ist es freilich nicht neu, dass von der Nahe tolle Weine kommen. Menschen aber, die gerne mal einen Wein trinken und nicht hier in der Gegend wohnen, werden mit Sicherheit Rheinhessen, die Pfalz und die Mosel als Weinbaugebiet kennen…die Nahe aber schon nicht mehr ganz so sicher 🙂 bzw. weiß ich von vielen, dass die Nahe kein Begriff ist. Als Weinbaugebiet ist sie im Allgemeinen noch eher unbekannt … meine Erfahrung.

      Grüße, Sascha

      • Kai sagt:

        Ja, ja, ja – so gesehen hast Du natürlich recht. Andererseits ist beim Wein(Genuss) eine gewisse Kennerschaft ja nicht abträglich. Und wer die hat, dem ist die Nahe schon allein wegen der hier vorhandenen Dichte an Spitzenwinzern ein Begriff. Alle anderen dürfen meinetwegen weiter Zeller Katz trinken, hi, hi! 😉

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