Ungeschönte Wahrheit: Veganer Biowein aus Überzeugung

Bio-Weingut HemerZu Besuch beim Bio-Weingut Hemer

Wir waren schon wieder in Rheinhessen unterwegs, aber diesmal am anderen Ende: Im Wonnegau, genauer: in Worms-Abenheim, da liegt nämlich das Bio-Weingut Hemer, dem wir einen kleinen Besuch abgestattet haben. Fast schon Pfalz (jetzt, wo wir nicht mehr vor Ort sind, können wir sowas gefahrlos sagen). Rheinhessische Toskana wird die Gegend gerne genannt, ein Bild, das zumindest für einige Eckchen in und um Worms, die wir durchquert haben, ein wenig Phantasie erfordert. Zugegebenermaßen sind jedoch andere Flecken wirklich schön und verströmen bei wohl gesonnenem Wetter ein wenig mediterranes Flair.

Tatsächlich ist Worms samt Umland die größte Weinbaugemeinde Rheinhessens. Rund 1.500 Hektar sind hier mit Reben bestockt – die berühmt-berüchtigte Liebfrauenmilch (früher bestimmt was Feines, heute i.d.R. ein ziemlich süßer und ziemlich billiger Fusel) hat in den Weinbergen um die Wormser Liebfrauenkirche ihren Ursprung. Und so sind sogar in dem kleinen, sehr dörflich wirkenden Stadtteil Worms-Abenheim (rund 2.500 Einwohner*innen) denn auch stolze 20 Haupt- und 3 – 4 Nebenerwerbs-Winzer*innen tätig. Wein ist hier also eines der bestimmenden Themen.

Bei den Hemers sowieso. Geführt wird das Wein- und Sektgut Hemer, wie es offiziell heißt, von den beiden Brüdern Andreas, Dipl.Ing. für Weinbau & Oenologie, und Winzermeister Stefan mittlerweile schon in der vierten Generation. Ein echter Familienbetrieb also, wie es so viele Weingüter sind. Die Eltern wollten den beiden Brüdern noch ausreden, das Weingut zu übernehmen („Lernt was Gescheites!“). Mitte, Ende der 80er Jahre war das, eine Zeit, in der der Weinbau in Deutschland nicht gerade geboomt hat. Daraus ist offensichtlich nichts geworden. 36 Hektar Weinberge werden heute bewirtschaftet, in den meisten wachsen gebietstypisch weiße Rebsorten (Riesling, Weißburgunder, Grauburgunder, Chardonnay, Silvaner, Rivaner, Gewürztraminer, Scheurebe, Sauvignon Blanc, Muskateller, Solaris, Morio Muskat), aber mit Dornfelder, Spätburgunder, St. Laurent, Regent, Portugieser und Merlot sind die roten Sorten ebenfalls stark vertreten. Das Bio-Weingut Hemer ist also deutlich größer als die anderen Weingüter, die wir bisher besucht haben. Was auf den ersten Blick gar nicht so wirkt, da der gemütliche Innenhof des alten Gebäudeensembles doch recht beschaulich ist. Aber neben dem schönen Hofgebäude mit Partyraum, Probierstube und Vinothek haben die Hemers noch eine große Produktions-, Abfüll- und Lagerhalle außerhalb des kleinen Örtchens im Einsatz – allein die Rotweinfäßchen lagern noch im alten Keller des Hofes. Und dann betreiben die Hemers noch einen eigenen Weinladen in Weimar. In Weimar? Ja, ist aber leicht erklärt: Andreas Frau kommt daher.

Veganer Biowein hat fast schon Tradition

Bio – und vegan…mordstrendy also, das Weingut Hemer. Aber durch diese Brille sollte man das nicht betrachten, denn die beiden Brüder haben sich schon vor längerer Zeit entschieden, auf Biowein umzusteigen und auf tierische Zusätze bei der Weinherstellung zu verzichten. 2003 war das, seitdem tragen die Flaschen das Ecovin-Logo sowie das v-Label. Warum? Einfach, weil es nicht notwendig sei: „Unsere Weine sind seit 2001/2002 vegan. Das Jahr 2000 war sehr problematisch, da haben wir noch mit Gelatine gearbeitet, um Bitterstoffe wegzubekommen. Aber das hat uns irgendwie nicht geschmeckt, wir haben die Weine damit fertiggemacht. Da haben wir uns gedacht, wenn wir uns gut um die Trauben kümmern und alles perfekt passt, dann müssen wir den Wein auch nicht mehr schönen. Seitdem haben wir keine Schönung mehr mit tierischen Produkten gemacht, wie Gelatine, Hausenblase oder Hühnereiweiß. Ja, und dann haben wir 10-11 Jahre vegane Weine gemacht, aber das nirgends draufgeschrieben, weil’s keinen Menschen interessiert hat. Dann kam das Thema vorletztes Jahr auf und wir haben überlegt, ob wir es nun kennzeichnen…haben uns eigentlich schon fast dagegen entscheiden, aber die Tatsache, dass jetzt Weingüter das Vegan-Logo auf ihre Flaschen kleben, die bis vor drei Monaten alles in ihren Wein reingeschmissen haben, hat uns dann dazu gebracht, auch mitzumachen“, erzählt Andreas und fügt leicht kopfschüttelnd hinzu: „Aber irgendwann ist auch gut mit den ganzen Logos…“ Selbst leben die beiden Brüder gar nicht vegan, nicht mal vegetarisch – sie seien sensible Fleischesser. „Aber die Debatte, die damit ausgelöst wurde, finde ich unheimlich gut und wichtig.“

Bio-Weingut Hemer

 

Gegen Gerbstoffe im Wein wird beim Bio-Weingut Hemer nach eigener Aussage überhaupt keine Schönung mehr vorgenommen, vielmehr werde mit angemessener Selektion im Weinberg sowie einer schonenden Pressung gearbeitet – die Gerbstoffe, die dann noch im Wein seien, gehörten dann eben auch da rein. Ja, so kann man es auch sehen, ursprünglicher Weingeschmack quasi. Meist entwickelten sich die Weine auch mit der Zeit, erzählt Andreas, und die Gerbstoffe gliederten sich nach einigen Monaten harmonisch ein. Man müsse dem Wein auch mal ein bisschen Zeit geben. Das sei auch der Unterschied zwischen „Industriewein“ und einem Weingut, das guten Flaschenwein produzieren wolle: Weine, die für einen Discounter abgefüllt werden, müssten vom ersten Tag an leicht trinkbar sein. Aber es sei eben die Frage, ob sie noch noch einigen Monaten schmeckten.

Bevor wir das Thema abschließen, wollten wir aber doch nochmal wissen: Wenn es denn so einfach ist, Alternativen zu den tierischen Schönungsprodukten zu finden, warum werden die so wenig verwendet? „Hm, weil man es einfach so gewohnt ist und das Handling kennt. Ist eben die Routine“, meint Andreas. „Es gibt bspw. auch ein Erbsenprotein, das man nehmen kann. Aber das muss man natürlich erstmal ausprobieren und überhaupt wollen. Ich bin immer der Meinung: Was irgendwo nicht unbedingt reingehört, das kann man auch rauslassen.“

„Man muss dem Wein auch mal ein bisschen Zeit geben“

Auf „umweltschonend“ habe das Bio-Weingut Hemer schon 1992 umgestellt. Umweltschonend bedeutete damals im Weinbau v.a. den Verzicht auf Herbizide (Unkrautbekämpfungsmittel) und Insektizide – Mineraldünger und chemische Pflanzenschutzmittel waren dabei erlaubt. Der Gedanke sei immer dagewesen, weiter auf Öko umzustellen – aber auch die Angst, ob das gut geht. Und 2003 sei es dann soweit gewesen – wobei die Politik nicht ganz unschuldig war an dieser Entscheidung, wie Andreas erzählt: „Die damalige rot-grüne Bundesregierung wollte einen höheren Anteil umweltschonender und ökologischer Bearbeitung in der Landwirtschaft haben. Dies war entweder über Anreize erreichbar oder die Verwässerung der Richtlinien. Und die Politik hat sich für eine Verwässerung entschieden – und da haben wir gesagt, dass machen wir nicht mehr mit und stellen komplett auf Öko um. Und es funktioniert wunderbar, wir haben auch in schlechten Jahren genauso gute Trauben wie die konventionellen Winzer.“

Die Hemers hatten zu der Zeit auch kleine Kinder auf dem Hof, was angesichts der Spritzmittel zusätzlich sensibilisiert habe. „Es ist einfach nicht notwendig. Mittlerweile stellen ja auch viele Spitzenweingüter um oder haben bereits umgestellt auf Biowein. Aber natürlich: es spricht nicht allein für die Qualität. Es gibt auch tolle Weine aus konventionellem Anbau und gute Ökowinzer wie schlechte“, so Andreas. Das Gesamtpaket müsse stimmen – eine Aussage, der man wohl schwer widersprechen kann.

Biowein Hemer

Andreas Hemer

„Auch wenn die Industrie behauptet, dass von Herbiziden und Pflanzenschutzmitteln keine Rückstände im Boden verbleiben – ich glaube das nicht. Ich kann mir das nicht vorstellen“, meint Andreas. Im Bio-Weinbau werden die Wildkräuter daher maschinell bearbeitet bzw. umgegraben, damit die Wurzeln obenliegen und die Pflanzen ausdorren. Allerdings wachsen die Wildkräuter bei Regen auch schneller wieder an. Daher werde in einem Arbeitsgang auch ein Mulchgerät oder Bearbeitungsgerät für den Boden mitgezogen… Was denn: keine begrünten Zeilen? „Doch, die Gasse, auf der der Schlepper fährt, die bleibt begrünt, die jeweils nächste nicht. Die umgepflügten Zeilen werden dann im Juli eingesät mit Winterbegrünung, die dann im Frühjahr blüht und auch den Stickstoff vor der Auswaschung ins Grundwasser in der Pflanze bewahrt. Und dann, je nach Niederschlägen im April oder Mai, wird diese Winterbegrünung wieder eingearbeitet. Wenn es viel regnet im Frühjahr, bleibt sie länger stehen, wenn es wenige Niederschläge gibt, muss sie schneller eingearbeitet werden, um die Wasser-Konkurrenz für die Reben möglichst gering zu halten.“ Je nach Wein und Weinberg werden die Trauben von Hand oder mit dem Vollernter (bspw. der Dornfelder) gelesen – im Gesamten halte es sich die Waage.

Dass Weingut Hemer ist das einzige Bio-Weingut im Örtchen – Probleme mit den konventionell arbeitenden Kolleg*innen gebe es nicht, man komme untereinander gut zurecht, erzählt Stefan. Ob es Betriebe in der Nachbarschaft gebe, die mit dem Gedanken spielen auf Bio umzustellen, wollten wir wissen. „Naja, es gab früher mal ein Programm, das auf Teilflächen ökologischen Weinbau förderte. Das wurde nach fünf Jahren aber wieder abgeblasen. Dann gab es immer mal wieder Betriebe, die mechanisch Wildkräuter bekämpft, aber dann doch wieder damit aufgehört haben. Den meisten geht es dann doch darum, mit möglichst geringem Aufwand den größten Ertrag bzw. besten Preis zu erzielen. Das ist das Problem“, so Stefan. In einigen Nachbarorten gebe es mehr Bio-Weingüter. Aber eines sei doch zu beobachten: „Viele, die auf unbedingte Qualität achten, bewegen sich früher oder später in Richtung ökologischer Weinbau“, so Andreas. „Es gibt glaube ich keinen Qualitätsfanatiker, der sich keine Gedanken über Herbizide macht.“

Bio-Wein mit Sternchen…

Wie eingangs beschrieben, werden 36 Hektar bewirtschaftet – schon eine ordentliche Größe. Wie viel Wein kommt dabei raus? „Wir ernten etwa 300.000 Liter. Eine minimale Menge liefern wir meist auch an die Rheingauer Sektkellerei Schloss Vaux zur Sektherstellung. Ansonsten machen wir nur Flaschenwein“, erzählt Stefan und erklärt: „Wir liegen mit unseren 8.000 bis 9.000 Litern unter der erlaubten Höchstmenge für Qualitätswein von 10.000 Litern pro Hektar.“ Was schon recht ordentlich ist…aber nicht für den Wonnegau, meint Stefan. Dies sei die Region mit den höchsten Erträgen, was v.a. an den guten, tiefgründigen Böden liege. Und plaudert dabei ein wenig aus dem Nähkästchen: In der Nähe gebe es einen riesigen Betrieb, der ausschließlich Fasswein herstelle. Der hole aus den Dornfelder-Rebflächen sicher 20.000 Liter pro Hektar heraus – da werde aber auch konsequent alles tot gemacht, Gras zwischen den Zeilen könne man da vergeblich suchen. Obwohl in diesem Bereich die Höchstgrenze bei 14.000 Litern liege, gehe das, weil – ähnlich wie bei dem Handel mit CO2-Zertifikaten – lässt der Winzer einen Hektar hängen, weil er vielleicht die Rebsorte in diesem Jahr nicht gebrauchen kann, kann er von einem anderen Hektar theoretisch die doppelte Menge ernten. Die Erträge beziehen sich auf die bewirtschafteten Flächen eines Weinguts, so einfach ist das. Erzählt hat uns Stefan die Geschichte aber vordergründig, um zu zeigen, wie viel Ertrag so ein Weinberg liefern könne. Beeindruckende Qualitäten kann man bei den Mengen freilich nicht erwarten.

Aber eigentlich wollte wir ja was über die Sternchen erzählen. Nicht die, die wir nach der Weinprobe gesehen haben, sondern die kleinen Sterne auf den Flaschenetiketten. Wie in der biblischen Geschichte fungieren Sie als Wegweiser: Mit dem Sternesystem – ein Stern für die Basisweine, zwei Sterne für die gehobenen und drei Sterne für die Aushängeschilder des Bio-Weinguts – haben die Hemers vor rund 10 Jahren ein Orientierungs- und Werteschema eingeführt, das die üblichen Kategorisierungen in verständlicher Art und Weise auf ihre Kernaussagen herunterbricht und anschaulich macht: „Ein Stern ist die Liter-Basisqualität, zwei Sterne sind die gehobenen Tischweine, die natürlich auch ohne Essen gut getrunken werden können und drei Sterne sind unsere Feinen…so unterscheiden wir das“, erklärt Andreas. Aber nicht mehr lange, denn ab dem neuen Jahrgang wird auch das neue Pyramiden-System – Basiswein, Gutswein, Ortswein und Lagenwein an der Spitze – eingeführt, das sich immer mehr verbreitet: „Da sollte man sich nicht wehren. Mit den Sternen war das sehr simpel, aber wir merken hier auch auf dem Land, dass nicht nur das Weingut entscheidend ist, sondern auch die Lage. Es ist immer die Kombination aus beidem.“

Die Hemers waren – anders als viele kleinere Weingüter – auf der diesjährigen ProWein in Düsseldorf (größte deutsche Weinmesse) mit einem eigenen Stand vertreten. Interessiert uns jetzt natürlich, wie wichtig solch eine Messe für ein Familienweingut ist. „Das sind wichtige Kontaktmessen, da treffen wir unsere Kunden oder eben Kontakte, die wir über das Jahr geknüpft haben. Sprechen, Kennenlernen…dafür ist die ProWein gut. Und wir hoffen natürlich auch immer, neue Kunden zu gewinnen.“ So ein Stand auf der ProWein ist extrem teuer – lohnt sich das? „Tja, wir stellen uns tatsächlich jedes Jahr wieder die Frage: gehen wir hin? Das ist schon ein Wahnsinnsgeld…aber bis jetzt sind wir dann doch immer hingefahren“, erzählt Andreas. Das Bio-Weingut Hemer vertreibt viel über den Handel, es gebe aber auch zahlreiche Direktabnehmer*innen, sodass sich die beiden Brüder ganz gut aufgestellt sehen. Aber die Zeiten, in denen selbst Wein ausgefahren wird, sind vorbei.
Riesling Bioweingut HemerAchja, Wein gab’s auch noch. Auf die Frage, welcher der Weine der interne Hit sei, wurde vornehme Zurückhaltung gepflegt. Gut, gut, mussten wir also selbst herausfinden. Wie bei den anderen Weingütern wollten wir vornehmlich die hoffentlich guten und bezahlbaren (ja, ein relativer Begriff) Weine probieren – die gab’s auch in vorzeigbarer Auswahl. Unter diesem Gesichtspunkt haben wir eine kleine Querweinprobe durch den 2014er Jahrgang gemacht. Zuerst brachte Stefan den „Basis“-Riesling des Bio-Weinguts Hemer auf den Tisch, der sich nach seiner Aussage großer Beliebtheit erfreue. Der letzte Jahrgang des Basis-Rieslings habe kürzlich bei der Zeitschrift Selection 4 von 5 möglichen Sternen erhalten…was die Hemers jedoch nicht zu Begeisterungsstürmen veranlasste: „…eigentlich ist die Bewertung zu gut für den Preis.“ Naja, gibt Schlimmeres, würden wir sagen. 4, 90 € werden für dieses Modell der mittlerweile wohl beliebtesten Weißweinsorte der Region fällig. Sehr zitronig, wie wir finden. Kann man gut trinken, schön gekühlt bestimmt ein erfrischender Tropfen an einem heißen Sommertag – aber so richtig vom Hocker gerissen hat er uns noch nicht – dafür ist die Zitrusnote zu dominant und lässt wenig Platz für andere Geschmacksempfindungen, zudem war dieser Riesling auch nur mittelmäßig spritzig – fanden wir zumindest. Macht nichts, muss ja noch Luft nach oben sein bei der Weinprobe. Obwohl Andreas erzählt, dass dieser Riesling als klassischer „Brot und Butter-Wein“ ein richtiger Renner sei. Mittlerweile ist beim Bio-Weingut Hemer Riesling auch die Haupt-Rebsorte – „hätten wir früher auch nicht gedacht“, stellt Andreas fest. „Gestresster Tag, Schnauze voll – ich brauch jetzt einen Wein, der mich wieder runterbringt, der Trinkspaß verbreitet, Frucht hat und nicht zu komplex ist“, so beschreibt er den idealen Wein für den Alltag, vielen Leuten gehe es ähnlich. Und für besondere Momente gebe es eben die höherwertigen Weine, die aber auch mehr Ansprüche stellen. Zum Thema Preis fällt uns noch was ein: Warum sind eigentlich alle Weine des Weinguts ausführlich auf der Webseite beschrieben, obwohl von einem Onlineshop oder auch nur Preisangaben keine Spur zu finden ist? „Das ist mit Absicht so. Wir arbeiten mit dem Fachhandel zusammen, die selbst Onlineshops betreiben…aber wenn sich jemand direkt bei uns meldet, schicken wir natürlich auch unsere Preisliste und verkaufen den Wein. Bestellen geht also“, erzählt Andreas.

Direkt nach dem Riesling gab es einen trockenen Secco: Beim „Tricollo“-Secco des Bio-Weingut Hemer (für 5,50 € die Flasche) handelt es sich um eine Cuvée aus Müller-Thurgau und Bacchus mit 12 – 13 g Zucker, wie Andreas ausführt. Bei Wein würden wir uns hier schon im halbtrockenen Bereich bewegen, beim Secco ist das aber noch in Ordnung – wenn man’s mag. Im Grunde kann man sich die Secco-Herstellung wie mit einem Wassermax, oder wie die Geräte heißen, vorstellen – nur eben mit Wein statt Wasser: Dem fertigen Wein wird Kohlensäure dazugegeben und man lässt sie nicht wie bei der traditionellen Sektherstellung im Wein durch eine zweite Gärung entstehen. Die Zugabe kann endogen oder exogen erfolgen: endogen bedeutet bspw. dass bei einem gärenden Wein die Kohlensäure aufgefangen wird, um sie einem Secco zuzugeben. Das ist aber ein höherer technischer Aufwand. Oder man gibt sie eben mit der Wassermax-Methode zu, wie es – zumindest so ähnlich – auch auf dem Bio-Weingut Hemer geschieht. Das Ganze sei eine komplizierte Angelegenheit, meint Andreas, da sich die Vorschriften ständig ändern…wir wollen es auch hier nicht vertiefen. Aber zurück zum Secco: spritzig-frisch, leicht-fruchtig und ohne Allüren – kann man gut trinken. Eine unkomplizierte, prickelnde Erfrischung.

Als nächstes wird ein Grüner Silvaner aufgetischt (2 Sternchen, 5,30 €), der nicht superkomplex rüberkommt, sondern fruchtig-frisch mit einer angenehmen Säure und ebenfalls deutlichem, aber weniger aufdringlichem Zitrusaroma – ein netter Tischwein für den Alltag, meinen wir. „Wir sind Verfechter des Silvaner, das ist eine tolle Rebsorte. Früher war die in Rheinhessen sehr stark verbreitet, ist aber extrem zurückgegangen“, erzählt Andreas. Demnächst will das Bio-Weingut Hemer wieder einen Top-Silvaner ausbauen. Keine Zeit nachzudenken, denn schon kommt der nächste Wein auf den Tisch: Ein Blanc de Noir aus den Rebsorten Regent, Accolon und Cabernet Dorsa – Grünzeug feinherb (6 €) nennt sich die Mischung und wartet im Gegensatz zu den anderen Weinen mit einem vergleichsweise peppigen Etikett auf.

Das Grünzeug habe eine ganz lustige Entstehungsgeschichte, erzählt Andreas: „Der Jahrgang 2010 brachte extreme Hagelschläge in Rheinhessen und der Pfalz. Wir waren sehr stark betroffen, wir hatten zwei Drittel Ernteausfall. Und die Rebe reagiert rein physiologisch bei einem Kahlschlag – teilweise standen überhaupt keine grünen Teile mehr – so, dass die sogenannten Winteraugen direkt austreiben, um irgendwie noch Grünmasse zu bekommen, um assimilieren zu können. Und dieses Grünzeug, also die Triebe, wachsen nicht mehr gerade, sondern kreuz und quer – Hauptsache raus und an die Sonne. Die Trauben, die dann daran hängen, sind quasi wie die sog. Geiztrauben, die wir normalerweise im August auf den Boden schneiden, weil sie verzögert reifen. Da aber nur noch diese kleinen Geiztrauben an den Reben hingen, haben wir uns gefragt, was wir damit machen sollen…also einfach ausprobieren, ob das noch etwas wird. Wir hatten auch versucht, Ratschläge einzuholen, die waren aber alle vernichtend: bitter, schmeckt nicht. Aber wir haben es trotzdem versucht, nach dem Motto: Wenn es bitter wird, muss man es umso schonender behandeln, schneller keltern und verarbeiten. Das hatte damals sechs verschiedene Rotweinsorten betroffen, also haben wir ein Blanc de Noir-Cuvée aus diesen sechs Rebsorten gemacht. Bei der Landwirtschaftskammer haben wir damit zwar keine Medaille bekommen, aber beim deutschlandweiten Ecovin-Weißweinwettbewerb den zweiten Platz belegt und beim AWC Vienne eine Goldmedaille…so schlecht konnte der „Abfall“ also nicht gewesen sein. Da war unser Blanc de Noir geboren – bzw. wiedergeboren. Wir hatten früher schon mal einen, aber da war die Zeit dafür scheinbar noch nicht reif, den hatten wir wieder eingestampft.“ Mittlerweile sei das Grünzeug ein richtiger Bestseller, erzählen die Hemers.

Ah, da kommt der Chardonnay. Den findet man ja mittlerweile auch überall…muss man den denn anbauen, weil die Leute danach verlangen? „Wir haben den seit 21 Jahren. Wir hatten den damals schon gepflanzt, weil wir dachten: tolle Rebsorte mit internationalem Ruhm“, erzählt Andreas und bestätigt somit unsere Vermutung. Auf jeden Fall liegt der Chardonnay (6 €) trotz spritziger Zitrusnote schwerer auf der Zunge als die vorangegangenen Weine… „Ja, so unterschieden wir den auch vom Weißburgunder“, springt Andreas dazwischen. „Chardonnay und Weißburgunder können recht ähnlich sein, sind ja auch artverwandt. Bei uns ist der Chardonnay einen Tick fetter und bekommt ein wenig Holz – nicht so viel, dass man es wirklich schmeckt, mehr unterstützend.“

Sauvignon Blanc Bio-Weingut HemerDer Grauburgunder naht…wieder eine Faßprobe des aktuellen Jahrgangs. Der Grauburgunder (5,50 €) riecht auch schon direkt schwerer, was sich geschmacklich auch so fortsetzt: deutlich kräftiger, breitet sich schön im Mund aus, ist dabei aber noch fruchtig-spritzig…findet durchaus Anklang in der Runde. Mal schaun, wie sich der Sauvignon Blanc (5,50 €) danach hält… Hält sich: Direkt steigt ein exotischer Fruchtcocktail in die Nase, der zum Probieren auffordert: Grapefruit und Maracuja dominieren, ein bisschen Ananas linst auch um die Ecke. Der gefällt uns gut, wirklich lecker, nicht zu schwer, aber auch kein Leichtgewicht – schmeckt nach Sommer und Sonne!

Riesling Bio-Weingut HemerUnd dann kommt – mal als Gegenstück – der Top-Riesling des Bio-Weinguts Hemer: Alte Reben, eine unfiltrierte Fassprobe. Riechen tut er schon mal hochinteressant…und schmeckt ganz anders als der Einstiegsriesling von vorhin: Nicht mehr so spritzig, sondern fetter und geschmeidiger. Nichts zum Kippen, hier handelt es sich um einen kräftigeren, geschmacksintensiveren und komplexeren Riesling, an dem man nippt. Eher für den Kopf als für den Magen. „Der verträgt ordentlich Luft, ist geöffnet nach ein paar Tagen immer noch gut trinkbar und auch in fünf Jahren macht der noch Spaß“, promotet Andreas den Aushänge-Riesling seines Weinguts. Und als letzten Weißwein gabs dann nochmal einen Weißburgunder – die 2 Sterne-Variante hatten wir vorher auch probiert, jetzt will uns Andreas noch das Dreigestirn präsentieren. Und auch der Weißburgunder präsentiert sich: feiner, filigraner als das Mittelklassemodell. Wobei unsere Geschmäcker doch eindeutig den Riesling bevorzugen…

Portugieser Bio-Weingut HemerSo, Zeit für Rotwein! Als erstes wird ein Portugieser eingeschenkt – ein Sternchen, also Basiswein. Beim Blick auf die Weinkarte fällt uns auf, was uns häufig auffällt: der Portugieser ist der günstigste Rotwein und als gehobene Variante wird er nicht angeboten. Warum ist das so, kann man keinen gescheiten Wein aus der Rebsorte Portugieser machen? „Och, doch, der wird bei uns gut nachgefragt. Aber es ist eher so ein Basiswein: leicht, fruchtig, unkompliziert. Es ist schwierig, einen richtig gehaltvollen Wein daraus zu machen, aber es geht schon. Wir haben uns dagegen entschieden, weil wir genug Weine haben, ich glaube 10 trockene Rotweine…da ist Portugieser dann eben die Basis“, meint Andreas. Aber zurück zum Wein: Optisch kommt der Portugieser fast schon wie ein dunkler Rosé daher. Riecht fruchtig. Schmeckt nicht ganz so weich wie angekündigt, aber ist nicht schlecht – auch wenn er uns nicht vom Hocker haut. Aber gut, es ist der Einstiegswein und so schmeckt er auch. Andreas erzählt, dass der Portugieser auch eine zeitlang im Holzfass ausgebaut wird. Rund 80 Prozent der Rotweine des Bio-Weinguts Hemer werden im Holzfass ausgebaut, einige davon aus im Barrique.

Als nächstes wird ein Dornfelder eingeschenkt (zwei Sterne – einen Einstiegsdornfelder gibts beim Bio-Weingut Hemer nicht). Hier handelt es sich nicht um einen weichen, milden Bio-Dornfelder, vielmehr kommen bei leichter Frucht auch Ecken und Kanten zum Vorschein. Ein Wein mit Charakter, der u.a. auch von seinem neunmonatigen Aufenthalt im alten Holzfass herrührt – muss man mögen. Wir fanden ihn ganz interessant (unsere Begleitung fand ihn gut), mussten aber noch etwas darüber nachdenken, ob wir ihn richtig mögen oder nicht (was wir natürlich im Verlauf des Gesprächs wieder vergessen haben).

Bio-Weingut HemerBeim nächsten Bio-Rotwein mussten wir nicht so lange überlegen: ein St. Laurent, ebenfalls 9 Monate im Holzfass gereift. Mittelschwer und rund, schön eingebundenes Holz und eine angenehme Vanillenote. (später zuhause – wir hatten uns ein Fläschchen davon mitgenommen, mussten wir feststellen, dass der St. Laurent richtig viel Luft braucht, um seinen angenehmen Geschmack zu entwickeln…aber dann!)

Last but not least: ein Merlot, auch im Holzfass gereift. Diese international beliebte Rebsorte gibts bei den Hemers schon seit 15 Jahren im Anbau. Der Bio-Merlot riecht deutlich beeriger als sein Vorgängerwein, wirklich schöner Duft – Andreas beschrieb es als vegetative und eher kühle Aromatik, was wir unterschreiben würden. Deutlich komplexer als bspw. der vorangegangene Dornfelder. Einziger Haken, der aber Geschmackssache ist: der Merlot hat eine leichte Bitternote – tja, die Hemers schönen die Gerbstoffe aus Überzeugung nicht raus. Aber diese Note ist ganz gut eingebunden und tut nicht weh – trotzdem: Geschmackssache (mein Bruder fand den Merlot richtig gut, ich persönlich gerbstoffbedingt mit Abstrichen).

So gut wie alle Weine sind mit Schraubverschluss ausgestattet – mittlerweile ja nichts ungewöhnliches mehr. Beim Bio-Weingut Hemer gab es aber nach eigener Aussage handfeste Gründe: „Wir hatten einfach die Schnauze voll!“ Es habe zu viele Probleme mit den Korken gegeben, teils subtile Korkschmecker bei einzelnen Flaschen, die nicht so einfach zu identifizieren waren, v.a. nicht für Laien – die hätten einen solchen Wein insgesamt eher als flach empfunden. So etwas gehe natürlich nicht – seit dem Schraubverschluss seien solche Sachen auch nicht mehr aufgetreten.

„Der Rheingau hat gepennt!“

Am Ende kommen wir nochmal auf Rheinhessen und die Pfalz zu sprechen. Andreas meint, dass die beiden Gebiete durchaus vergleichbar seien. Zumindest seien es seit einiger Zeit die dynamischsten Weinbaugebiete Deutschlands. Es sei toll zu sehen, was hier passiere – und man müsse eines festhalten: „Der Rheingau hat eindeutig gepennt!“ Zwar gebe es dort nach wie vor hervorragende Weingüter. Aber damals, erzählt Andreas, als er im Rheingau studierte, habe man sich dort für den Weinadel gehalten und gemeint, man müsse sich nicht bewegen. V. a. Rheinhessen und die Pfalz haben sich aber bewegt und zwar deutlich. Mittlerweile sei es vielen Kund*innen auch egal, aus welchem Weinbaugebiet der Wein genau stamme – gut muss er sein. Und das sind mittlerweile viele Weine aus den beiden aufstrebenden Gebieten. „Wir haben auch Kundschaft im Rheingau, die unser gutes Preis-Leistungs-Verhältnis schätzen. Im Rheingau zahlst du ja automatisch zwei Euro mehr pro Flasche“, meint Andreas.

Dann gabs noch tausend Themen: Pflanzenschutz, biodynamischer Anbau usw. – aber das würde jetzt den Rahmen sprengen (bzw. bin ich zu faul, das weiter abzutippen).

Unser kleines Fazit des Tages: Wenig Tamtam, aber offensichtlich viel Mühe beim Handwerk. Man merkt schon, dass sich die Hemers ihre Gedanken machen. Zudem sind die beiden sehr sympathisch und aufgeschlossen, zeigen sich bodenständig, authentisch und als reflektierte Persönlichkeiten, was unseren Besuch zu einer wirklich angenehmen Angelegenheit machte. Können wir also nur empfehlen, mal vorbeizuschauen und selbst zu probieren.

Und auch der Wein war facettenreich: die Weine haben sich wirklich voneinander unterschieden – was ja nicht immer so eindeutig der Fall ist. Die von uns getrunkenen Weißweine waren insgesamt eher leicht – waren ja auch vornehmlich die Einstiegskategorien. Aber das ist nicht der einzige Grund: Das Bio-Weingut Hemer baut v.a. seine Weißweine bewußt nicht zu schwer aus, damit das Spiel und die Spritzigkeit nicht verloren geht, ansonsten stehe nur die Wuchtigkeit und der Alkohol im Vordergrund, das sei bei ihnen nicht gewollt – wobei, für jede Regel eine Ausnahme, auch zugestanden wird, dass es tolle schwere Weine gebe, wenn denn alles gut eingebunden sei.

Und die verschiedenen Geschmäcker (wir waren zu dritt) konnten sich wieder für unterschiedliche Weine begeistern: Grünzeug, Grüner Silvaner/Grauburgunder und Sauvignon Blanc sowie unter den Rotweinen der St. Laurent und der Merlot. Während mein Bruder den Grünen Silvaner und Merlot („super Wein zum Essen“) wieder nachkaufen würde, schlägt mein Herz eindeutig für den Sauvignon Blanc – würde bzw. werde ich auf jeden Fall nochmal besorgen – ein sehr leckerer Bio-Wein zum Schnäppchenpreis, der Spaß macht.

Bio-Weingut Hemer

 

 

Bei Interesse erhälst Du weitere Informationen zum Bio-Weingut Hemer hier.

 

 

Alle Bilder: …tastes like Wine!

2 Kommentare

  • EC sagt:

    Sehr schöner, ausführlicher, informativer Artikel! Da ist man ja echt beschäftigt, das alles zu lesen. Und es wird nicht mal langweilig…

    Zum Thema veganer Wein: ich halte das Thema ja für völlig überzogenen Quatsch. Insofern ist mir die eher skeptische Haltung der Hemers durchaus sympathisch, auch wenn sie letztlich doch auf den Modezug aufgesprungen sind.
    Ist schon erstaunlich, was in letzter Zeit so alles vegan ist. Auch Lebensmittel, die schon immer rein pflanzlich sind, werden jetzt unter dem Label „vegan“ vermarktet. Nein, ich mag kein veganes Olivenöl, ich will ein gescheites Olivenöl. Das ist anscheinend insofern ein Unterschied, als das „vegane“ Öl mit einem Marketingmittel einen qualitativen Lapsus zu verdecken versucht.
    Und ich mag keinen veganen Weine. Wenn ein Wein ohne Schönung auskommt und dennoch oder gerade deswegen ein Saft zum Anbeten ist, dann ist das ja völlig in Ordnung und auch erstrebenswert. Aber explizit veganer Wein? Nein, bitte nicht…

  • Toller Artikel, der mein Interesse geweckt hat. Nur weiter so!

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