„Vor 14 Uhr spucken, nach 14 Uhr schlucken“

TVINOEine Weinprobe im TVINO-Laden auf St. Pauli

Vor 14 Uhr spucken, nach 14 Uhr schlucken…mit diesem sachdienlichen Hinweis wurden am Donnerstagabend die Anwesenden begrüßt, die sich – weit nach 14 Uhr – im kleinen Ladengeschäft des Weinhändlers TVINO eingefunden haben, um für das Festival ‚A Summer’s Tale‘ den gleichsam offiziellen wie möglichst perfekten Festivalwein zu casten. Hört sich nach geballter Weinkompetenz an, die sich da versammelt hat, war es aber erfrischenderweise überhaupt nicht: Die meisten der Anwesenden hatten keine gesteigerte Ahnung, nur eine entsprechende Vorliebe. Denn dieses „Wein-T(c)asting“ war Teil einer Promo-Aktion für das A Summer’s Tale-Festival, dessen Weinpartner eben TVINO ist, und für das man sich bewerben konnte. Was ich auch getan habe und prompt eingeladen wurde.

TVINO St. Pauli

„Hopfen und Malz, Gott erhalt’s“…hehe, super Spruch, der über dem TVINO-Laden prangt.
(und wer glaubt, dies hier ist ein schlechtes Foto, hat die weiter unten noch nicht gesehen…)

TVINO ist ein junges Unternehmen, dass sich mit einer für die Weinbranche eher unkonventionellen lockeren Art gezielt an ein jüngeres, urbanes Publikum wendet. Der Ansatz ist erstmal sympathisch: Es geht unkompliziert zu und die üblichen Weinfloskeln und Fachausdrücke werden vermieden – der Wein soll einfach gute Laune machen. Hinsichtlich der Authentizität kann ich zumindest jedoch nicht ganz ausblenden, dass TVINO von der Hawesko Holding AG, nach eigenen Angaben die größte Weinhandelsgruppe Europas, gezielt als junge Marke aufgebaut wurde, um eben auch diese Sparte höchst professionell zu bedienen. Dafür wurden offensichtlich die richtigen Leute gefunden, denen es glaubhaft gelingt, das Thema Wein in seinen relevanten Facetten in verständlicher und sympathischer Art und Weise und v.a. auf Augenhöhe zu vermittelnn – auch wenn die lockere Art manchmal etwas dick aufgetragen daherkommt. Aber hey: Wer will nicht lieber in einem Weinladen arbeiten, in dem man Wein „abfeiert“ und auch schon mal saufen statt verköstigen sagen darf?

Der tollste Job der Welt

Chefin von TVINO ist Stephanie, die nach eigenen Ausführungen nichts anderes kann außer Wein, das aber offensichtlich gut (nebenbei leitet sie noch die Wein- und Sommelierschule in Hamburg). Sie habe den tollsten Job der Welt – Glück gehabt, denn früher wollte sie sich immer einen Winzer angeln („Liebe vergeht, Hektar besteht“ – dieser Spruch hat gute Chancen, in unsere Weinzitate-Sammlung aufgenommen zu werden…). Aber kommen wir mal zum Weinladen und dem Wein, irgendwo oben hab ich ja was von Weinprobe geschrieben…

TVINO

Im TVINO-Shop gibts auch eine kleine Bar, die man (nach 14 Uhr…) auch einfach zum Wein probieren und trinken ansteuern kann. Abends war da tatsächlich auch ein bisschen Kneipen-Feeling.

Der TVINO-Weinladen liegt mitten in St. Pauli, ist klein und gemütlich und das Weinangebot sehr übersichtlich – hier findet sich nur eine Auswahl des kompletten Programms. Ein Blick auf die ausgestellten Flaschen lässt die Frage aufkommen, ob die Weine vornehmlich nach ihren hippen Etiketten ausgesucht wurden, was angeblich nicht der Fall sei. Wahrscheinlich spiegelt das einfach den Style einer neuen Winzer*innen-Generation wider, die ihre Individualität auch in der Flaschengestaltung ausdrücken will. Zugegebenermaßenn lasse ich mich auch gerne von schicken Etiketten beeindrucken und häufig findet man ja auch in einem eye-catcher einen tongue-catcher…

Süffige Weißweine aus Rheinhessen und der Pfalz

Im Mittelpunkt des Abends stand natürlich der Wein: Auf den Tisch kamen nacheinander 6 Weißweine junger Winzer*innen aus Rheinhessen und der Pfalz, alle zwischen 6 und 10 Euro.

Der Liter

Der Liter

Den Anfang machte ‚Der Liter‘, ein Weißweincuvée aus Riesling, Müller-Thurgau, Silvaner und Scheurebe. Dabei handelt es sich um ein Gemeinschaftsprojekt von ‚Katharina & Kai‘, zwei befreundeten Winzer*innen aus Rheinhessen. Stephanie klärte auch gleich die Anwesenden auf, dass in der Literflasche heute nicht mehr zu vernachlässigende Weine abgefüllt werden, sondern dieses Format wieder im Kommen sei. Gut, gut, ich hab überhaupt nichts gegen die Literflasche – und auch nichts gegen den ‚Liter‘ im Besonderen: Frisch, leicht und fruchtig-süß, erinnert mich dieses Weißweincuvée an verstärktes Tonic Water…die Zitrone kratzt im Abgang doch sehr deutlich am Gaumen. Nicht schlecht für den Sommer, bin mir aber sicher, dass noch Besseres folgen wird.

Silvaner Rheinhessen

Der Silvaner

Direkt danach wurde ‚Der Silvaner‘ aufgetischt, diesmal reinsortig und ebenfalls von ‚Katharina & Kai‘. ‚Der Silvaner‘ ist schon deutlich dominanter im Mund trotz seines eher geringen Alkoholgehalts von 11,5 Volumenprozent. Dieser Weißwein ist schön fruchtig und liegt schwer auf der Zunge, wobei sich der Silvaner nach hinten raus etwas schüchtern zeigt. Trifft jedoch meinen Geschmack etwas mehr als der vorangegangene ‚Liter‘.

Wechsler Riesling

Wechsler Riesling

Der dritte Weißwein stammte dann auch von der nun schon bekannten rheinhessischen Winzerin Katharina, diesmal ein Solo-Projekt ihres Weinguts. Katharinas Nachname ist Wechsler und so heißt auch der Wein: Wechsler Riesling. Ein trockener Riesling (alle Weine des Abends waren trocken, wenn auch nicht staubtrocken) also, was mich als Rieslingfreund natürlich freut. Und zack, gefällt mir auch gleich am Besten von allen bisherigen Weinen. Angenehm spritzig und gehaltvoll, ohne überladen oder eine Säurebombe zu sein. Welche Aromen besonders schön zum Vorschein kamen, hab ich vergessen….weiß nur noch, dass dieser Wechsler Riesling ziemlich lecker war und mit dieser Meinung war ich auch nicht allein.

Chapeau Krauß

Chapeau Krauß Cuvée

Mit dem ‚Chapeau Krauß Cuvée‘ wird der erste Weißwein aus der Pfalz eingeschenkt. Die Mische aus Scheurebe, Weissburgunder und Müller-Thurgau ist mit einem netten Cover (das Figürchen mit Hut soll übrigens den Winzer darstellen, der nicht Winzer, sondern Weinbauer genannt werden will und angeblich nie ohne Kopfbedeckung anzutreffen ist) ausgestattet und auch dahinter verbirgt sich ein angenehmer Tropfen, der allerdings nicht in bleibender Erinnerung geblieben ist. War ein sympathischer Wein, aber ohne Aha-Effekt. Also weiter zum nächsten…

Wageck Tertiär Sauvignon Blanc

Zu vorgerückter Stunde ist das Etikett schon leicht verschwommen…was steht da? Achja: Wageck Tertiär Sauvignon Blanc

Wieder ein pfälzer Tropfen, diesmal ein Sauvignon Blanc: der ‚Wageck Tertiär Sauvignon Blanc‘ mit GPS-Daten auf dem Etikett – damit man auch nachvollziehen kann, dass die tropischen Früchte, die uns da aus dem Weinglas entgegenspringen, tatsächlich ihren Ursprung in der Pfalz haben. Dieser Fruchtcocktail mit Ananas- und anderen Aromen war schon lecker, aufgrund seiner Schwere aber nicht mein persönlicher Favorit – ich für meinen Teil bevorzuge doch eher leichtere Sauvignon Blancs, da wirken für mich die Fruchtaromen stimmiger. Geschmackssache.

Deep Roots Grauburgunder

…noch später am Abend: der Deep Roots Grauburgunder

Den Abschluss machte der ‚Deep Roots Grauburgunder‘ der rheinhessischen ‚3 Winzer‘ – also wieder ein Gemeinschaftsprojekt junger Winzer. Dieser ‚Deep Roots Grauburgunder‘ ist unglaublich süffig, süß und auf eine eher leichte Weise spritzig für einen trockenen Grauburgunder – mit Abstand der „unschwerste“ Grauburgunder, den ich seit langem getrunken habe. Dürfte auch Leute ansprechen, die am liebsten fruchtige Weine mit angenehmer Säure trinken und um die häufig doch sehr raumgreifenden, schweren Grauburgunder einen Bogen machen – umgekehrt dürften einige sicher das für Grauburgunder Typische vermissen.

Abstimmung: Welcher Wein solls sein?

Alle Weine probiert (dazu gabs Käse und Brot), Meinungen ausgetauscht, über anderer Leute Meinungen Kopf geschüttelt, anderer Leute Köpfe schütteln sehen bei eigener Meinungsäußerung usw. – aber am Ende haben sich doch interessanterweise bei fast allen die gleichen Favoriten herausgebildet. Jetzt sollte der offizielle A Summer’s Tale- Festivalwein gekürt werden. Entscheidungskriterium sollte nicht nur der eigene Geschmack sein, sondern auch der mutmaßliche Geschmack des Festivalpublikums. Bei solchen Veranstaltungen gehen meistens nicht die staubtrockenen Weine am besten, sondern die fruchtig-süß-süffigen… Von dieser Warte aus hätte ich am ehesten für den ersten Wein (‚Der Liter‘) und den letzten Wein (‚Deep Roots Grauburgunder‘) plädiert, habe mein Händchen dann aber doch für den Wechsler Riesling gehoben, da er mir unter den süffigen Weinen doch als der Charakterstärkste erschien – und mir persönlich einfach am besten geschmeckt hat. Damit war ich nicht alleine: Die erste Abstimmungsrunde entschied der Wechsler Riesling klar für sich, auf Platz zwei landete – für mich überraschenderweise – der Sauvignon Blanc. Die restlichen Weine bekamen, wenn überhaupt, nur eins, zwei Stimmen. Obwohl die Sache eigentlich geritzt war, wurde seitens der Sauvignon Blanc-Fraktion interventiert, um eine zweite Abstimmungsrunde zu starten, in der nur noch der Riesling und der Fruchtcocktail zur Auswahl stehen – was dann auch so umgesetzt wurde. Lange Rede, kurzer Sinn: Am Ende hat der Sauvignon Blanc das Rennen gemacht, der der offizielle A Summers Tale-Festivalwein sein wird. Merkwürdige Entscheidung, aber man kann die Menschen ja nicht zu ihrem Glück zwingen. Der Wein war schon gut, aber doch so speziell, dass ich dieses Ergebnis wohl nie vorhergesehen hätte. Gläserweise könnte ich den nicht trinken – aber hey: auf dem Festival gibt’s ja auch noch Bier…

Insgesamt ein unterhaltsamer Abend mit angenehmen Weinen und entspannten Menschen. Hat Spaß gemacht… Achja, das Festival: A Summer’s Tale findet Anfang August in der Lüneburger Heide statt und wird neben Acts wie Damien Rice, Calexico, Sophie Hunger und Yann Tiersen auch Patti Smith auf die Bühne bringen. Patti Smith! Und an den Ständen gibt’s Wein, natürlich mehr Weine als die an diesem Abend präsentierten…

 

All High End Pictures: …tastes like Wine!

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