Das ..tastes like Wine!-Kamingespräch

Shiraz 2013 Wolf Blass

Ein 2013-er Shiraz von Wolf Blass aus dem Aldi trifft die ...tastes like Wine!-Redaktion zum heimeligen Kamingespräch...

Winter in Deutschland. Schon seit gefühlten sechs Monaten. Furchtbar. Andererseits: toll! Zumindest wenn man Wein trinkt, die Jugend schon hinter sich gelassen und Zuhause ist's am Schönsten auf der Fußmatte stehen hat. Genau wie bei uns. Also hat sich die ...tastes like Wine!-Redaktion zu einem gemütlichen Abend vor dem Kamin eingefunden. Ein antiquierter Hausanzug und ein ebenso gestreifter wie schlecht sitzender Bademantel, Filzpantoffel sowie überdimensionierte Ohrensessel bestimmen die Szenerie. Aromatischer Pfeifenrauch liegt in der Luft und vermischt sich mit der hypnotisch-dominanten Stimme von Judy Garland, deren Platte auf dem neuen Grammophon meines Bruders leicht wippend ihre Runden dreht. Und eine Flasche Wein (steht auf dem Tisch). Eine gute Flasche Wein? Na, wir werden sehen...

Es sollte eigentlich ein Déjà-vu werden. Vor vielleicht sechs Wochen hatten wir zum Essen eine Flasche Wein, die uns sehr positiv im Gedächtnis geblieben ist: ein Shiraz aus Australien. Hatte jemand mitgebracht und, wie wir erfahren haben, in einem modernen Krämerladen names Aldi erworben. Der Wein hatte zum Essen gepasst, einfach geschmeckt...wir hatten uns nicht weiter darum gekümmert. Also wollten wir ihn nochmal bewusst trinken und haben eine Flasche besorgt. Dabei haben wir uns nicht lumpen lassen und die geforderten, für einen Aldi-Wein vergleichsweise teuren 5,99 € anstandslos auf den Tisch gelegt – wartete doch im Gegenzug ein verheißungsvoller Tropfen auf uns (wußtet Ihr, dass in Deutschland durchschnittlich rund 2,80 Euro pro Liter Wein ausgegeben werden?). Naja, kein Aldi-Wein im engeren Sinne, aber zumindest steht dieser Shiraz bei Aldi (Süd) im Regal. Für das Geld kann man doch auf einen guten Tropfen hoffen, oder nicht? Steht ja auch auf der Flasche: "Winemaker of the Year" ziert das Korkenhäubchen und auch das Etikett weiß allerlei Positives über das Weingut zu berichten – sowieso ziemlich textlastig dieses Etikett.

…tastes like Wineprobe: Wolf Blass, Heritage Release, South Eastern Australia, Shiraz, 2013, 14 Prozent

Wolf Blass Shiraz 2013 AldiOhlala, dieser Wein steht also auf dem Tisch. Und kommt reichlich majestätisch daher: Ein goldener Adler umgreift den zur Marke stilisierten Winzernamen Wolf Blass (ein deutscher Önologe, der in den 60er Jahren nach Australien auswanderte und dort ein großer, eher höherpreisiger Weinhersteller geworden ist – gehört mittlerweile zu einem australischen Getränkekonzern), das strukturierte Papier mit Prägung will den Wein auch haptisch zu einem Genuss machen. Und persönlich unterschrieben hat der Wolf Blass auch noch. Der Wein fleht förmlich: nimm mich, ich bin wohlschmeckend und komplex, die Menschen, die mich kreierten, wußten, was sie tun und eigentlich habe ich hier im Aldi-Regal gar nix zu suchen...

Nun, wie bekannt haben wir den Shiraz mitgenommen und er hat seinen Platz auf unserem Tisch gefunden. Und sieht irgendwie erleichtert aus. Aber vielleicht täuscht die Vorfreude auch meine ansonsten hellwachen Sinne...

Ach herrlich: Die Holzscheite duften, der Wein knistert anregend im Glas und wir greifen beherzt zu. Farblich kann der Shiraz von Wolf Blass schon mal überzeugen: ein glänzendes, kräftiges, undurchdringlich-dunkles Kirschrot. Zum Verlieben. Ob er so gut riecht wie er aussieht? Ja! Direkt nach dem Öffnen stieg mir der Geruch von Preiselbeeren in die Nase! Ich mag Preiselbeeren...plötzlich kriege ich Lust auf Back-Camembert...verdammt.

CB: Preiselbeeren, das ist es. Aber da ist noch was...Johannisbeeren? Und ein Hauch Vanille.

Stimmt, Johannisbeeren und ganz dezent eine scheue Vanillenote, die ich gerade noch einfangen konnte, bevor sie verschreckt das Weite sucht. Da ist er zuerst drauf gekommen, verdammt...aber ich lasse mir nichts anmerken und bleibe souverän im Programm: Das ist fast schon klebrig-süß, was einem da aus dem Flaschenhals in die Nase steigt. Nicht unangenehm, riecht sogar lecker. Und faszinierend: das Bouquet im Weinglas unterscheidet sich vom Geruch, der sich konzentriert im Flaschenhals sammelt. Erdbeeren...Erdbeersoße auf Spaghetti-Eis fachsimpelt mein Bruder. Tatsache! Ehrlich jetzt, das ist Original der Geruch von frischer (künstlicher?) Erdbeersoße auf schon leicht schmelzendem Spaghetti-Eis. Geil! Ist leider im Glas nicht so präsent.

Shiraz Aldi

Ach, wie schön...

Aber das Bouquet ist durchaus vielversprechend und wir freuen uns beide auf den ersten Schluck...der irgendwie verstörend ist: Wo sind all die leckeren Fruchtnoten? Der Shiraz liegt schwer auf Zunge und Gaumen, wenig Säure, aber im Gegensatz zum Bouquet verschwimmen hier die Geschmacksnuancen. Irgendwas mit dunklen Waldfrüchten könnte schon hinkommen, aber dann haben sie ihre beste Zeit schon definitiv hinter sich gelassen. Nicht ganz so fein und komplex, wie erwartet, dafür überraschend bitter. Keine Ahnung, was richtige Weinexpert*innen jetzt von diesem australischen Shiraz von Wolf Blass sagen würden, aber ich bin enttäuscht und mein Bruderherz sieht auch nicht glücklich aus. Eine modrige Fruchtnote, vielleicht faule Pflaume? (ich frag mich, woher der weiß, wie faule Pflaumen schmecken, aber ich nicke nur benommen) Ein klassischer Wein, der gut riecht, freudige Erwartungen hervorruft, sie aber nicht wirklich halten kann. Dem muss ich voll und ganz zustimmen, leider ist das so. ...und im Abgang ein wenig Muskat. Jetzt wird er übermütig...oder stimmt's etwa? Egal. Irgendwo habe ich zu diesem 2013-er Shiraz "Bitterschokolade" gelesen, aber mir fehlt da ganz eindeutig die Schokolade – der ist einfach nur bitter. Aber vielleicht gibt's ja Leute, denen so etwas schmeckt!? Die Bitterkeit drängt sich in den Vordergrund, irgendwie weich, und bleibt im vorderen Mundbereich kleben, genauer gesagt auf den Lippen und breitet sich leicht betäubend auf der Zunge aus, während der Rest den Hals herunterläuft und keinen bleibenden Eindruck hinterlässt. Hm, vielleicht ist das ein Wein, der nur zum Essen getrunken werden sollte? Wir versuchen es mal mit dunkler Schokolade: schon besser, neutralisiert das Bittere doch ins halbwegs Erträgliche. Und wie siehts mit Käse aus, das steht ja auch auf dem Etikett (wie bei gefühlten 100 Prozent aller Rotweine)? Auch mal ausprobieren, der Kühlschrank ist ja nicht fern...alter Gouda...tatsächlich, besser. Aber die Grundbitterkeit bleibt. Dennoch passiert was Neues beim Essen: eine Alkoholnote taucht auf und drängt sich in den Vordergrund, wie mein Bruder treffend bemerkt. Und geht eine unheilige Verbindung mit den bitteren Aromen ein. Kann ich mir gut zu Pasta mit kräftiger Tomatensoße vorstellen! Ja? Also ich bin raus...

...tastes like Wineprobe: Wolf Blass, Heritage Release, Shiraz 2013 – das Fazit

Naja, ist nicht schlecht, Massenware mit wuchtiger Note. Würde ich nochmals kaufen, wenn nichts anderes mehr aufzutreiben ist. Aha. Aber im Endeffekt: durchgefallen. Na, da bin ich ja beruhigt. Und ob der massentauglich ist, wage ich mal zu bezweifeln – zumindest wenn er ohne kräftiges Essen getrunken wird.

Schade, eigentlich wollten wir mal einen guten Wein präsentieren. Und nochmals schade: wirklich tolles Bouquet...aber was danach kommt...reden wir nicht mehr drüber! Die Schallplatte ist abgelaufen und die Flasche noch halbvoll...wird wohl auch so bleiben...

 

Alle Bilder: ...tastes like Wine!

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