Der gute Messwein: eine kleine Probe durchs rheinhessische Weingut Hothum

Weingut Hothum

Weinmessen sind in zweierlei Hinsicht eine lohnende Veranstaltung: Neben all den Weinen, die zum Probieren bereit stehen, haben v.a. die zahlreichen und i.d.R. sehr durstigen Besucher*innen großen Unterhaltungswert. Gegen einen Obolus von bspw. 10 Euro erhält man auf Weinmessen einen Freifahrtschein bzw. ein Glas ohne Boden. Während einige Weinexpert*innen sich dort bedächtig nippend mit den gestressten Winzer*innen austauschen wollen, schwankt die gefühlt andere Hälfte lärmend und erhobenen Glases von Weingutsstand zu Weingutsstand, um möglichst viel für das eingesetzte Geld zu bekommen. Ich würde wetten, dass es sich bei einem nicht unerheblichen Teil dieser Leute um Menschen handelt, die sich oft und gerne über lärmende, alkoholkonsumierende Jugendliche beschweren…zumindest sehen sie so aus. Alles in allem also ein lustiges Spektakel…wenn man denn auf Wein und Lärm steht. Tu ich.

Vor Kurzem und ein paar Tagen wurde eine Rheinhessenwein-Weinmesse ausgerichtet, die ich mir selbstverständlich nicht entgehen lassen wollte (s.o.). Ich weiß nicht, ob Weingüter, die etwas auf sich halten oder die einfach guten und entsprechend nachgefragten Wein produzieren, solche Veranstaltungen meiden (können), aber ich war wirklich verwundert, wie wenige interessante Weine ich an diesem Tag im Glas hatte – und das bei einer großen Halle voll Winzer*innen. Natürlich konnte ich nicht alle Weine probieren und von denen, die ich probiert hatte, waren einige auch nicht schlecht. Aber es waren schon beeindruckend viele langweilige Weine dabei. Die sollen uns hier auch weiter nicht interessieren. Denn es gab auch Lichtblicke. Vor allem ein Stand hatte es mir an dem Tag angetan: der des Weinguts Hothum aus Aspisheim bei Bingen am Rhein, eines der wenigen Bio-Weingüter auf der Messe. Das lag nicht zuletzt an den Menschen hinter dem Stand (das Weingut wird von 3 Brüdern mit ihren Familien betrieben). Die sympathisch-bodenständige Art war ein angenehm-erfrischender Kontrast zu vielen anderen Ständen, deren service- und dienstleistungsorientertes Personal offenbar Kurse in Kundenkommunikation belegt hat. Ich finde diese häufig anzutreffende unauthentisch-freundlich-andienerische Art furchtbar anstrengend und außerdem leicht zu durchschauen. Aber gut, das ist Geschmackssache. Aber bei diesem Weingut war es anders, da wurde man teils angeschnauzt, wenn man sich allzu ungeduldig um den nächsten Schluck Wein bemühte. Oder ein aufgeschnappter Konversationsausschnitt: Weininteressierte: „Was machen Sie?“, Winzer: „Ei, isch bin Biobauer.“ Herrlich!

Wein gabs da natürlich auch. Und ich war hocherfreut festzustellen, dass der Hothum Biowein nach meinem Geschmack zu den leckersten dargebotenen Tropfen an diesem Tag gehörte…und das bei vernünftigen Preisen (richtig hochpreisige Weingüter waren eh nicht vertreten). 3 Weine, die mir gut geschmeckt hatten, habe ich mir mit nach Hause genommen, um dort nochmal in Ruhe zu probieren: Einen Grünen Silvaner, einen Gelben Muskateller und einen Blauen Riesling … ok, das blau war jetzt Quatsch, aber die restlichen Farben stimmen.

Weingut Hothum 2015er Grüner Silvaner trocken

Weingut Hothum Grüner Silvaner

Wer sich jetzt fragt, was der Unterschied zwischen einem Grünen Silvaner und einem „normalen“ Silvaner ist: Es gibt keinen. Den Zusatz Grün hat die Rebsorte Silvaner wegen ihren grünen Beeren erhalten (es gibt übrigens auch Roten und Blauen Silvaner…kein Quatsch). In Rheinhessen ist Silvaner noch eine verbreitete Rebsorte, ursprünglich stammt sie aber ganz woanders her, nämlich aus Österreich. Aber genug der Allgemeinhalbbildung, jetzt zum Hothum Silvaner, dem Grünen, einem der Kategorie Gutswein übrigens. Der riecht bereits sehr frisch und auch grün, die Säure bitzelt frech in der Nase und ein leichtes Grasaroma macht Lust auf mehr. Die Vorfreude wird nicht enttäuscht, denn im Mund geht’s ebenso frisch weiter. Der Geschmack nach grünem Apfel, schüchterner Birne und etwas Zitrus und Gras füllt gleich den gesamten Mundraum aus und bleibt angenehm lange bestehen. Gleichzeitig schleicht sich eine feine kleine Süße auf die Zungenspitze. Dennoch hat dieser Grüne Silvaner bei aller Spritzigkeit auch etwas Schweres, Mächtiges – fruchtig-aromatisch und dabei nicht zu leicht. Ein schöner Weißwein für einen Super-Preis: 5,20 € kostet die Flasche!

Weingut Hothum 2015er Gelber Muskateller trocken

Weingut Hothum Gelber Muskateller

Der nächste Weißwein des Bio-Weinguts, das bereits 1989 auf ökologischen Weinbau umgestellt hat, stammt schon aus der höheren Qualitätskategorie der Ortsweine, entsprechend mussten wir für diesen Wein 8,50 Euro berappen. Die aber richtig investiert waren: Die Kohlensäure hängt schwer im Glas, während fruchtig-spritzige, süßlich-sternfruchtige Noten ihren Weg zur Nase nehmen. Der Gelbe Muskateller aus dem Hause Hothum riecht nach Frühling…ein betörender Duft, der im dunkelfeuchten Herbst wie eine süße Erinnerung wirkt. Im Mund macht sich die sehr präsente, aber nicht dominante Säure beliebt. Ein leckerer Cocktail an Geschmackseindrücken, die frisch, fruchtig und rund daherkommen. Mit dabei sind Melone, Zitrus, Birne, noch eine Frucht, die wir nicht einfangen konnten sowie Süßholz und eine grasig-grüne Ahnung gerahmt von einem belebenden Bizzeln an den Zungenrändern. Mehr muss ich nicht schreiben…geht runter wie Öl.

Weingut Hothum 2015er Aspisheimer Riesling vom Muschelkalk trocken

Weingut Hothum Riesling

Last but not least: ein Riesling. Im Glas lässt sich bereits erkennen, dass es sich um einen spritzigen Vertreter handelt. Entsprechend präsent ist die Kohlensäure in der Nase. Ansonsten ist das Bouquet mit einem intensiv-aromatischen Mix aus Frucht (Melone, Sternfrucht) und einem Hauch Schärfe reizvoll bestückt. Und auch der erste Schluck enttäuscht nicht: wie eine Welle brandet der Riesling auf der Zunge gen Gaumen. Mit an Bord sind Zitrus, Grüne Apfelschalen, konzentrierte Traube. Die feine Säure verleiht dem 2015er Aspisheimer Riesling vom Muschelkalk einen lebendigen, verspielten Charakter. Am Ende entfaltet sich zudem eine leichte Süße, die auf gefällige Weise den lang anhaltenden Geschmack abrundet. Ein Top-Sommerwein, aktivierend und fruchtig-vollmundig. Preis für diesen Biowein: 6,90 Euro. Da kann man nix gegen sagen geschweige denn falsch machen.

Also, auch ein Weinmessen-Besuch kann sich lohnen. Wir haben 3 tolle (Alltags)-Weine mitgenommen, die Trinkfreude bereiten, zu bezahlbaren Preisen, von einem Bio-Weingut, das offenbar von sympathischen, authentischen Menschen betrieben wird. Was will man mehr?

4 Kommentare

  • Rolf sagt:

    Hallo, also eure Einschätzung zu Weinmessen teile ich nicht. Auch wenn es da schon mal laut werden kann, sind da immer schöne Weine zu entdecken wie ich finde. Ich habe da schon tolle Entdeckungen gemacht und ich finde den direkten Kontakt zu den Erzeugern toll. Das Weingut Hothum kannte ich bisher noch nicht, aber das werde ich mir merken. Die Weine klingen vielversprechend. Grüße aus Köln, Rolf

  • Susi sagt:

    Da kann ich mich nur anschließen. Ich habe auf Messen bereits die eine oder andere Entdeckung gemacht! Stimmt schon, dass bei weitem nicht alle Weine im Glas glänzen, aber für eine positive Überraschung können solche Messen immer wieder mal sorgen. Und Spaß macht es auch, sich mit einem leeren Glas durch die Stände und Weinregionen auf Entdeckungsreise zu begeben. Sieht man ja am Weingut Hothum, werde ich mir auch mal ansehen. Viele Grüße aus Freiburg, Susi

  • Sascha sagt:

    Danke für Eure Meinung! Klar macht das Spaß…war ja auch so gemeint 🙂
    Für mich persönlich ist der Spaßfaktor auch das ausschlaggebende Argument, eine Weinmesse zu besuchen…große Entdeckungen mache ich zumindest meist an anderer Stelle, aber machen kann man die immer, wenn man es denn drauf anlegt.

  • R.Hesse sagt:

    Wenn man in Rheinhessen wohnt, muss man gott sei dank keine Weinmessen besuchen :=)

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